Reisen

Erasmus Vilnius 13 – Der Notfallplan / The emergency plan

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Ein Erasmusstudent aus Spanien hat uns nach zwei Wochen verlassen. Er sei hier nicht gut angekommen. Die Sachen, die er sich zum Kochen gekauft hatte, stehen jetzt in unserem Regal. Es sind nicht viele.

Auf einer Reise erlebe ich Hochs und Tiefs, deren Amplitude höher ist als in meiner gewohnten Umgebung. Ich schwanke zwischen Momenten der Verzweiflung und des Glücks, aber was später in Erinnerung bleibt, ist blanke Schönheit. Ich habe gestern mit einer Freundin am Telefon darüber gesprochen, in dem leeren Gemeinschaftsraum dieses Wohnheims. Ganz leer ist er nicht, es stehen immerhin zwei Wäscheständer darin. Ich lerne, mit wenig auszukommen, und habe es doch so gut, dafür bezahlt zu werden, in einem fremden Land zu studieren und zu leben.

Die daily hassles werden von Tag zu Tag weniger, ich passe mich an, besitze inzwischen sogar Olivenöl. Dafür nehmen andere kleine Unannehmlichkeiten des Alltags zu, die zu Beginn in der Aufregung nichtig erschienen: Der unterschiedliche Tag-Nacht-Rhythmus meiner Mitbewohner, das Essen im Stehen wegen des fehlenden Küchenstuhls, das Geschirr, das auf der Fensterbank trocknet, weil ich noch kein Geschirrhandtuch im Supermarkt gefunden habe. Außerdem wurde mir eine Scheibe Käse aus dem Kühlschrank geklaut.

Vor allem aber nimmt das Vermissen zu. Nicht stetig, manchmal nimmt es auch ab, aber als Kurve sieht es wie ein wachsendes Gebirge aus. Vielleicht erreicht es irgendwann die Spitze seines höchsten Bergs und nimmt dann wieder ab, es geht nach Italien oder Skandinavien. Wie auf einer Alpenüberquerung muss ich durch die schweren Momente durch.

Für diese Momente ist es sinnvoll, einen Notfallplan zu haben. Ich habe noch nicht daran gezweifelt, dass hierher zu kommen die richtige Entscheidung für mich war und ich werde nicht aufgeben, selbst wenn der Winter hart wird. Aber wenn Schmerz, Sehnsucht und Leid anrollen, werde ich…

  1. Wenn möglich: Den Sonnenuntergang auf dem Berg der drei Kreuze sehen.

2. Wenn kein Sonnenuntergang zu sehen sein wird, es Licht- und Wetterbedingungen aber zulassen: Trotzdem auf den Berg der drei Kreuze gehen.

3. Durch die Straßen gehen und in Schaufenster sehen.

Heute hinter einem Fenster.

4. Jemanden fragen, ob er oder sie mit ins Museum kommt.

5. Alleine in eins der Museen gehen. [Hier soll es für alles ein Museum geben, also werden die schon nicht ausgehen.]

6. Jemanden nach einem Kinobesuch fragen.

7. Eine Freundin, einen Freund oder ein Familienmitglied in Deutschland anrufen.

8. Einen Blogbeitrag verfassen.

9. Ein Gedicht schreiben.

10. Mir die Schäfchenwärmflasche machen und mir vorstellen, sie sei …

Danke an die Heißluftballons. Immer wenn ich in der letzten Woche abends nach draußen ging und in den Himmel sah, sah ich sie.

Die Heißluftballons sind das Symbol für die Freiheit, die ich hier erlebe. Das Gefühl ist immer da, auch wenn ich weinen muss. Freier Atem in der Brust.

An Erasmus student from Spain left us after two weeks. He had not arrived well here. The things he had bought for cooking are now on our shelves. There are not many.

On a journey, I experience highs and lows whose amplitude is higher than in my usual environment. I vacillate between moments of despair and happiness, but what remains in memory later is sheer beauty. I was talking about it on the phone with a friend yesterday, in the empty common room of this dormitory. It’s not completely empty, there are at least two clothes drying racks in there. I’m learning to get by with very little, and yet I’m so happy to be paid to study and live in a foreign country.

The daily hassles are getting less and less every day, I’m adapting, even owning olive oil by now. Instead, other small inconveniences of everyday life increase, which at the beginning seemed trivial in the excitement: The different day-night rhythm of my flatmates, eating standing up because of the missing kitchen chair, the dishes drying on the windowsill because I haven’t found a dish towel in the supermarket yet. I also had a slice of cheese stolen from the fridge.

But above all, the missing is increasing. Not steadily, sometimes it decreases, but as a curve it looks like a growing mountain range. Maybe it peaks at some point and then decreases again, it goes to Italy or Scandinavia. Like crossing the Alps, I have to get through the difficult moments.

For these moments it is useful to have a contingency plan. I haven’t doubted yet that coming here was the right decision for me and I won’t give up even if the winter gets tough. But when pain, longing and suffering roll in, I will….

  1. if possible: watch the sunset on the hill of three crosses.

2. when there will be no sunset to see, but light and weather conditions permit: Go to the hill of three crosses anyway.

3. walk through the streets and look in shop windows.

Today behind a window.
  1. ask someone to come with you to the museum.
  2. go alone to one of the museums. [There’s supposed to be a museum for everything here, so they won’t run out].
  3. ask someone to go to the cinema.
  4. Call a friend or family member in Germany.
  5. write a blog post.
  6. write a poem.
  7. make myself the sheep hot water bottle and imagine it is …
Thanks to the hot air balloons. Whenever I went outside in the evening last week and looked up at the sky, I saw them.

The hot air balloons are the symbol of the freedom I experience here. The feeling is always there, even when I cry. Free breath in the chest.

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