Auslandsjahr Vilnius

#48 Unikurse des Frühlingssemesters / University courses of the spring semester

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Im Frühlingssemester belegte ich drei Kurse, die alle freitags stattfanden. Mein Stundenplan für diesen einen Unitag in der Woche sah so aus:

9:00 Uhr – 10:30 Uhr
Love, Sex and Marriage: Transcultural, Evolutionary and Anthropological Perspectives (Liebe, Sex und Ehe: Transkulturelle, evolutionäre und anthropologische Perspektiven)
Der amerikanische Professor dieses Kurses war schon älter und wird den Kurs nach uns nur noch einmal geben. Die Themen waren sehr interessant und reichten von evolutionären und anthropologischen Sichtweisen, die Liebe als universal und nicht auf die westliche Welt begrenzt sehen, über eine Theorie verschiedener Liebesstile bis hin zur Betrachtungen unterschiedlicher Kulturen und Sexualitäten und ihrer Liebesmodelle. Zum Beispiel lernte ich, warum die Aka in Zentralafrika die besten Väter der Welt aufweisen und im Gegensatz zu den benachbarten Ngandu ein Beispiel für Geschlechtergleichheit sind, weshalb Paare dieser beiden Stämme im Schnitt dreimal pro Nacht Sex haben, dass es im Himalaya gängig und günstig ist, als Frau mehrere Brüder zu heiraten (auch wenn einer davon erst acht Jahre alt ist), welche Illusionen an Sextourismus in der Dominikanischen Republik hängen und inwiefern die christliche Pfingstbewegung zur Verschlimmerung des Problems Aids in Nigeria beiträgt.
Der Workload des Kurses war vergleichsweise hoch, wöchentlich mussten wir ein bis zwei Paper lesen, die auch mal 40 Seiten umfassen konnten. Jede Woche wurde zur Literatur ein kleiner Test geschrieben, der oftmals Detailwissen erforderte, auf den ich, wenn ich die Texte einmal durchgelesen hatte, aber nie unter 3 von 5 Punkten bekam. Zusätzlich mussten wir insgesamt vier Studien durchführen und vier Paper sowie eine Zusammenfassung darüber schreiben. Ich tat nur das Nötigste, bekam auf all diese Arbeiten aber volle Punktzahl. Wir erforschten, welche Liebesstile unter unseren Peers gängig sind, wie sich romantische Beziehungen in unseren Ländern entwickeln und welche Unterschiede zwischen verschiedenen Geschlechtern, Sexualitäten und Nationalitäten bestehen. An dieser Stelle noch mal danke an meine Peers, die ein, zwei, drei oder gar viermal an meinen merkwürdigen Liebesstudien teilgenommen haben!
Die Abschlussklausur bestand aus zwei von drei relativ schwierigen Transferfragen, die wir zum Glück schon im Vorfeld gestellt bekommen hatten, und einem Quiz. Diejenige (in dem Kurs waren nur Frauen) mit der höchsten Punktzahl bekam die Bestnote, an der sich alle weiteren Noten orientierten. Ich bekam auf den Kurs insgesamt 9 von 10 Punkten.

11:00 Uhr – 12:30 Uhr
Cognitive Science of Religion (Kognitive Wissenschaft der Religion)
Auch für diesen Kurs mussten wir wöchentlich ein längeres Lehrbuchkapitel lesen, das wir in der Folgestunde besprachen. Wir schrieben keine Tests, aber dem Dozenten vor jeder Stunde zwei Fragen zum Text. Es handelte sich um keinen Theologiekurs, vielleicht schreckte die Sorge davor manche ab; wir vier Teilnehmenden studierten Psychologie, was für das Verständnis des Stoffes von Vorteil war. Wir gingen nicht der Frage nach, ob es einen Gott gibt, sondern weshalb es Gott oder Götter in den Vorstellungen der Menschen gibt; welche kognitiven Verzerrungen dafür eine Rolle spielen, inwiefern Glaube angeboren und erlernt ist, warum Menschen an Wahrsagen glauben und welche Funktion und Wirkung Rituale, Religiosität und Religion auf persönlicher, moralischer und sozialer Ebene haben. Einen Monat lang fiel der Kurs aus, weil der Dozent zu diesen Themen in der Mongolei forschte, wir lasen in der Zeit ein weiteres Lehrbuch. Abschließend schrieben wir einen sechsseitigen Essay. Ich schrieb darüber, warum es Menschen gibt, die nicht glauben und welche Eigenschaften mit Atheismus einhergehen. Darauf bekam ich ohne viel Mühe 10 von 10 Punkten.

15:00 Uhr – 16:30 Uhr
Vorlesung Contemporary Motherhood / Fatherhood (Zeitgenössische Mutterschaft/Vaterschaft)
Dieser Kurs fand anders als die beiden anderen Kurse online statt. Er gliederte sich in drei Teile, die drei verschiedene Dozentinnen hielten.
Im ersten Teil ging es um Darstellungen von hauptsächlich Mutterschaft in zeitgenössischer Kunst, Literatur, Musik, Film und den sozialen Medien. Als Hausaufgaben lasen wir einen Roman und sahen einen Film. Die Quintessenz: Die Gesellschaft erwartet von Müttern Perfektion, die sie allein nicht leisten können. Benotet wurde für diesen Teil ein Essay über eines von sieben vorgegeben Themen (ich schrieb über die Erwartungen an Mütter und Väter in Deutschland).
Der zweite Teil befasste sich mit medizinischen Grundlagen der Fortpflanzung, Unfruchtbarkeit und künstlichen Befruchtung. Der Stoff wurde über eine Open-Book-Klausur abgeprüft.
Im dritten Teil ging es um Rechte und Verletzung dieser Rechte von Eltern mit Behinderung oder anderen stigmatisierten Eigenschaften sowie um den Anteil an Kindererziehung von Vätern. Auch darüber wurde eine Open-Book-Klausur geschrieben.
Die Hälfte der Note machte ein zehnminütiger Podcast aus, der in Gruppen aufgenommen wurde. Meine Gruppe thematisierte, ob und inwiefern sich Strenge und Wärme in der Erziehung von erstgeborenen zu später geborenen Kindern verändern. Insgesamt erreichte ich 9 von 10 Punkten.

17:00 Uhr – 18:30 Uhr (alle zwei Wochen)
Seminar Contemporary Motherhood / Fatherhood
Das Seminar unterschied sich nicht wesentlich von der Vorlesung. Inhalte wurden frontal vertieft, mitunter gab es auch Kleingruppenarbeiten/-gespräche.

In beiden Semestern habe ich mit nur wenig Anstrengung ausschließlich sehr gute Noten bekommen. Im Bachelor hielt mich der Notendruck im Hinblick darauf, einen Masterplatz zu bekommen, davon ab, ins Ausland zu gehen – obwohl ich gehört hatte, dass die Noten im Ausland oft besser ausfallen, was mein Fall bestätigt. Die Kurse haben meinen akademischen Horizont erweitert, mir vor allem aber Einblicke in die Welt und andere Kulturen verschafft. Ich bin mit meinem Englisch immer noch nicht zufrieden, aber auf Englisch zu studieren war kein Problem. In Vilnius hatte ich meine letzte Zeit an der Uni. Wahrscheinlich werde ich sie sehr vermissen.

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In the spring semester, I took three courses, all of which took place on Fridays. My timetable for this one unit day a week looked like this:

9:00 – 10:30
Love, Sex and Marriage: Transcultural, Evolutionary and Anthropological Perspectives
The American professor of this course was older and will only give the course once more after us. The topics were very interesting and ranged from evolutionary and anthropological views that see love as universal and not limited to the Western world, to a theory of different love styles, to looking at different cultures and sexualities and their models of love. For example, I learned why the Aka in Central Africa have the best fathers in the world and are an example of gender equality in contrast to the neighbouring Ngandu, why couples of these two tribes have sex on average three times a night, that it is common and cheap in the Himalayas for a woman to marry several brothers (even if one of them is only eight years old), what illusions are attached to sex tourism in the Dominican Republic and to what extent the Christian Pentecostal movement contributes to the worsening of the problem of AIDS in Nigeria.
The workload of the course was comparatively high; every week we had to read one or two papers, which could sometimes be 40 pages long. Every week, a small test was written on the literature, which often required detailed knowledge, but on which I never got less than 3 out of 5 points once I had read through the texts. In addition, we had to conduct a total of four studies and write four papers and an abstract about them. I only did the bare minimum, but got full marks on all these papers. We researched what love styles are common among our peers, how romantic relationships develop in our countries and what differences exist between different genders, sexualities and nationalities. At this point, thanks again to my peers who took part in my strange love studies once, twice, three or even four times!
The final exam consisted of two of three relatively difficult transfer questions, which luckily we had been given in advance, and a quiz. The one (there were only women in the course) with the highest score got the top grade, which all other grades were based on. I got a total of 9 out of 10 points on the course.

11:00 – 12:30
Cognitive Science of Religion
For this course we also had to read a longer textbook chapter every week, which we discussed in the following lesson. We did not write tests, but we did ask the lecturer two questions about the text before each lesson. It was not a theology course, perhaps the worry of this deterred some; the four of us who took part were studying psychology, which was beneficial for understanding the material. We did not explore the question of whether a god exists, but why God or gods exist in people’s minds; what cognitive biases play a role in this, to what extent faith is innate and learned, why people believe in fortune-telling and what function and effect rituals, religiosity and religion have on a personal, moral and social level. The course was cancelled for a month because the lecturer was doing research on these topics in Mongolia; we read another textbook during that time. Finally, we wrote a six-page essay. I wrote about why there are people who don’t believe and what characteristics go along with atheism. I got 10 out of 10 points on that without much effort.

15:00 – 16:30
Lecture Contemporary Motherhood / Fatherhood
Unlike the other two courses, this course took place online. It was divided into three parts given by three different lecturers.
The first part was about representations of mainly motherhood in contemporary art, literature, music, film and social media. As homework we read a novel and watched a film. The bottom line: society expects perfection from mothers, which they cannot achieve on their own. Graded for this part was an essay on one of seven given topics (I wrote about expectations of mothers and fathers in Germany).
The second part dealt with medical basics of reproduction, infertility and artificial insemination. The material was examined via an open-book exam.
The third part dealt with the rights and violation of these rights of parents with disabilities or other stigmatised characteristics, as well as the share of child rearing by fathers. An open-book exam was also written on this.
Half of the grade was a ten-minute podcast recorded in groups. My group addressed whether and to what extent strictness and warmth change in parenting from first-born to later-born children. Overall, I scored 9 out of 10.

17:00 – 18:30 (every fortnight)
Seminar Contemporary Motherhood / Fatherhood
The seminar did not differ significantly from the lecture. The content was deepened in front of the students, sometimes there was also small group work/discussion.

In both semesters, I only got very good grades with little effort. In the Bachelor’s degree, the pressure of grades with regard to getting a Master’s place kept me from going abroad – although I had heard that grades are often better abroad, which my case confirms. The courses broadened my academic horizons, but above all gave me insights into the world and other cultures. I’m still not happy with my English, but studying in English was no problem. Vilnius was my last time at university. I will probably miss it a lot.


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