Gedanken & Texte

VI. Therapieren

An meinem ersten Tag im Kindergarten weinte ich, als meine Mutter wegging. Die Erzieherin haute mir mehrmals auf die Finger und sagte, ich solle aufhören. Sie saß vor mir und forderte mich auf, die Hände hinzuhalten. Ich erinnere mich noch sehr gut daran. Vielleicht, weil ich an dem Tag kapierte, dass Menschen manchmal gemein sein können, anstatt zu trösten.

An meinem zweiten Tag im Kindergarten (oder dem zweiten Tag, an den ich mich erinnere, vielleicht war es auch eine Woche später) weinte ein anderes Kind an seinem ersten Kindergartentag. Ich führte es herum und sagte, dass es normal sei, am ersten Tag traurig zu sein. Das machte es besser. Es ging mir schon besser. Vielleicht erinnere ich mich daran noch, weil ich an dem Tag eine meiner Lebensaufgaben begriff.

Als ich mit drei Jahren meiner Mutter im Bad das Handtuch reichte, vor der Scheidung; als ich ihr einen Regenwurm vor die Nase hielt; als ich mich dem ausgegrenzten Jungen widmete, der mit dem Finger Wörter in die Luft schrieb; als meine beste Freundin vom Fünfer springen wollte; als ich mit ihr durchging, wie sie von zuhause weglaufen könnte; als ich mir vornahm, mit 18 das Mädchen von der Jugendfreizeit zu adoptieren, das von seiner Mutter angeblich nicht geliebt wurde – immer wollte ich den Schmerz oder die Angst der anderen lindern. Mit ihnen reden. Sie dazu bringen, Dinge zu tun, die ihre Situation oder ihre Sicht der Dinge ändern würden. Sie therapieren.

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