Prag 2017
Eine Zeitreise gefällig? Jemand fragt mich, ob ich Tipps für Prag hätte. Klar, sage ich. Karlsbrücke, Kafka-Museum, Veitsdom, Tretbootfahren auf der Moldau, Baumstriezel, Prager Eiffelturm, John Lennon Wall … Für eine kurze Zeit meines Lebens war Prag meine Lieblingsstadt, aber erst, als ich die alten Reisetagebucheinträge lese, erinnere ich mich wieder genauer daran, wie ich Prag mit 19 wahrgenommen habe. Die Fotos, die ich mit meiner alten Digitalkamera aufgenommen habe, spiegeln das nur schattenhaft wider. Auf den Monat genau reise ich neun Jahre zurück, als würde ich zu einem Teil von mir selbst zurückkehren. Und es ist interessant: Genau wie damals, wiege ich mich auch heute in dem Glauben, inzwischen so viel erwachsener zu sein. Heute würde ich andere Worte dafür finden, mich zum Beispiel weniger perfektionistisch ausdrücken. Aber geht auch das nicht wieder auf meine hohen Leistungswerte zurück – dass ein Teil von mir mein „früheres Ich“ lieber stummschalten würde? Dabei würde ich meinem früheren Selbst doch gerade die Schwere nehmen wollen, den Leistungsdruck, die Angst, nicht genug zu sein und von anderen negativ bewertet zu werden, die Angst vor den eigenen Worten, die Vergleiche und hohen Selbstansprüche, die Annahmen über das Müssen und Sollen, all das, aber nicht den Schmerz und die im Rückblick geballte Schönheit – denn beide gehören dazu.

13.03.2017
Komme zurück in die Stadt, in der ich jugendlich war für fünf Tage. Düster an manchen Stellen, was Spannung über allem erzeugt. Ich war ein Schulkind, nicht so weit wie jetzt, aber voller Gefühle, so dass ich jetzt – in dem Glauben, erwachsener zu sein – alles nochmal fühle, mit Wehmut: Aus den Erinnerungen bricht die Schönheit wie ein lichthelles Gewitter, dabei ist es kalt. Wir sitzen neben Karl, auf die Karlsbrücke blickend; dunkle Wolken haben die Stadt zu einer labyrinthhaften, grollenden Höhle gemacht, deren Stalaktiten zu weinen oder zumindest die Tränen zu sammeln drohen; aber jetzt ist es dunkel geworden und die Stadt erinnert an Weihnachten. Die Hände sind kalt, aber der Bauch ist warm. Keine Tränen – Freude.
Und nie habe ich so viele Fehler gemacht wie jetzt, da ich mich erwachsener glaube. Vom Verhalten und von den Worten genauso unreif, denke ich mehr. Vielleicht weil ich mir sage: „Gestern habe ich unklar gedacht, heute denke ich klarer“, setze ich die Gedanken um – und so auch mehr schlechte. Dann trifft mich die Erkenntnis darüber – über die Schlechtheit der Gedanken, die nach außen getreten sind – umso härter und ich friere wieder ein.
Das alles ist Theorie – ich rede viel, ohne es selbst zu glauben, alles kommt aus Abneigung und Zuneigung und das meiste daraus wurzelt in Liebe, von der ich nicht einmal sagen kann, dass ich sie nicht mehr will.
Nur verstanden werden und den Schmerz abbauen.
Ich kann nur verstanden werden, wenn ich ausreichend sage.
Am Altstädter Ring war heute ein elektronisches Klavier (mehr Kasten als Keyboard), daran ein junger Mann mit Kapuze und Kappe tief ins Gesicht gezogen, der genial spielte: Bohemian Rhapsody.

- Ich dramatisiere gerne.
- Es scheint bei mir nur zwei Extreme hinsichtlich der Vergangenheit zu geben: Abscheu oder Verklärung. Die Gegenwart aber ist immer relativ normal.
Gleich sehen wir uns die Stadtkarte an und umkringeln, was wir wann sehen.
Du denkst, du bist stark und dann wirft dich die kleinste Erschütterung aus der Bahn.
Hier gibt es Straßenbahnen. Wunderschöne, alte. B. mag Straßenbahnen auch. Wir haben eine Vorliebe für alte Dinge. Alle, die eine künstlerische Ader haben, sagt sie.
Sie hat ein Gespür für noble Hotels, die nicht teuer sind.
Ich musste an die Stelle aus „Nachtzug nach Lissabon“ denken, als ich ankam: „Wir lassen etwas zurück, wenn wir einen Ort verlassen…“ und wenn wir wiederkommen – wie klein die Wegstrecke auch war, die wir dort zurückgelegt haben – ist es, als kehrten wir zu einem Teil unserer selbst zurück.
Den Moment genießen – auf einer Reise – die Landschaft – die Atmosphäre – die Sonne – die Musik – die gute Freundin an meiner Seite.
Mich hat etwas gestochen. Die ganze Brust war rot (mit Ausnahme des hubbeligen hellen Stiches), auch die Beine – krebsrot. Vielleicht eine Ankündigung des Frühlings, der ansonsten in weiter Ferne scheint, auch wenn wir den 13. März schreiben.
Die Heizung hört sich an wie eine Quelle.
Ich höre Illusionen nicht gerne.
(wenn ich weiß, dass sie welche sind)
Es gibt nicht so viele Attraktionen, dass wir Stress haben werden, auf den Straßen aber immer genug zu sehen.
Wir haben Kafkas Erzählungen beide dabei – zufällig wir beide. Morgen geht es ins Kafka Museum und in den Petrin Park.
Übermorgen zum Schloss und Veitsdom.

14.03.2017
Damals im Bett hatte ich das Gefühl, es noch aufhalten zu können. Es war wie eine Welle, die ich einfach hätte passieren lassen können, indem ich unter ihr durchtauchte, die mich aber, wenn ich mich gehen ließ und sie genoss, für eine ganze Zeit mitreißen würde – was sich wunderbar anfühlte.
Jetzt lernen wir ein bisschen Tschechisch – die üblichen Begriffe!
Hallo – Ahoj!
Guten Tag – Dobrý den!
Tschüss – Ahoj!
Auf Wiedersehen – Na shledanou!
Ja – Ano
Nein – Ne
Danke – Dejuji!
Bitte – Prosim!
Prost! – Na zdravi!
Entschuldigung – Prominte, …
Ich verstehe kein Tschichisch – Nerozumim cesky
If you love
then love
– eine kleine Kritzelei an einer Wand
in einer Straße zum Kafka Museum
Ich habe Quiche mit Salat gefrühstückt, B. ein beeriges Süßgebäck, dessen Saft auf ihre Hose getropft ist. Jetzt warte ich auf einer der Bänke, wo wir gefrühstückt haben. Sie ist ins Hotel, sich umziehen, während ich weiter gefrühstückt habe.
All deine Geheimnisse schreibst du in der Jugend auf, in der du noch nicht daran denkst, einmal Kinder zu haben, die das finden könnten. In der du noch keine Kinder hast. *
Aber selbst die größten Geheimnisse deutest du nur an und verfehlst die Wahrheit.
Es ist ein Vorbeischrammen an der Wahrheit, wenn ich schreibe.
Ich lüge, wenn ich rede.
Ich hätte die Stadt im Abendrot besser einfangen können, indem ich sie gemalt hätte (könnte ich es perfekt), anstatt sie zu fotografieren.
*Auf die Frage, ob ich einmal Kinder haben möchte, antworte ich mal mit ja, mal mit nein – alles ist unsicher – aber eigentlich bin ich in der Sicherheit (als Gefühl), dass es so kommen wird – weil ich es im Innern will, auch wenn ich frei sein will, LEBEN will – aber ich will es wissen, es ist etwas, das man nicht verpassen darf; es wird und muss so sein.
„Man sieht Kafka nochmal ganz anders als in der Schule, wenn man in diesem Museum war.“ – B.

Wenn du erschrickst, weil dir etwas vor einem Jahr wie gestern vorkommt, denke an alles, was in der Zwischenzeit passiert ist… wie viel es war…
„Der Prozess“ stellt das Gesetz als etwas Ungeheures dar. Was stellt das Chaos dar, das entstünde, wenn es das Gesetz nicht gäbe?
Ich brauche einmal im Leben einen großen ruhigen Tänzer mit breiten Schultern, dem ich zu dieser Musik – „Let it be“ -, die im Restaurant läuft, in dem wir zu Mittag gegessen haben (ich Kartoffelpuffer), in den Armen liegen kann, langsam tanzend. Es läuft schon zum zweiten Mal, so lange sitzen wir schon hier.
Stadtspaziergang
Die Gedanken treten aus dem Kopf
Unverwirklich nach außen
In die Nacht, die dunkler ist
Als die Zeichnungen in der Tasche
Sie hat ein Buch verschlungen
Vor den Augen seltsame Worte
Die Schönheit, die sie sah
Verschwindet im Nebel
Je weiter sie geht, desto heller
Und unklarer wird der Wundervolle
Und nur im Augenwinkel
Treten neue Dinge auf
Haustüren, deren Klingelschilder
In der Unschärfe der Peripherie
Nicht zu entziffern sind
Nur die Namen in der Ferne
Nur die Worte früheren Morgenlichts
Die lückenhaft spiegeln
Wohin sie geht
Jetzt waren wir auf dem Prager Eiffelturm, der sich auf einem Hügel auf der kleinen Seite befindet, im Sonnenuntergang (bester Zeitpunkt). Sitzen unten im Café, ich habe mein Erdbeertörtchen vor mir, B. holt gerade ihr Tomaten-Morzarella-Sandwich.

„Wenn man irgendwann mal wieder nach Prag will, muss man unbedingt hierhin; das ist so – das Beste.“ – B.
Wir sind den Hügel über unbeleuchtete Wege runtergelaufen. Die erleuchtete Stadt unten, auf der anderen Flussseite, war so schön! Ich hatte nur leichten Nervenkitzel, B. ist schnell vorangelaufen, die dunklen Treppen schneller runter, als ich kann. Ein Mann mit Kaputze kam uns entgegen; als er vorbei war, sagte B.: „Und jetzt stell dir vor, das wären zwei gewesen.“
Sie sagte, ich hätte überhaupt keinen Überlebensinstinkt. Eben hat sie mir gesagt, sie wäre am Ende gewesen, wenn sie gewusst hätte, dass ein anderer Mann eine Taschenlampe hatte und es kein Fahrrad war. Aber in solchen Situationen reagiert sie genau richtig: Hundert Meter weiter hörten wir Männer auf einem Fußballplatz grölen, B.: „Jetzt am besten nicht mehr reden, damit die nicht merken, dass wir Touristen sind.“
Wir trinken den Tee im Bett. B. hat mir Grünen gemacht. Und schreiben…
Black Swan
Ein paarmal habe ich von ihr geträumt, einmal dies:
Ich treffe sie in der Stadt und etwas bewegt mich, überfreundlich zu sein. Sie hat eine Alditüte in der Hand und lächelt ebenfalls freundlich, aber schwach, indem sie es etwas herablassend tut.
„Hi“, sage ich. Ich will gegen die Ahnung anrennen, dass sie keine Freunde will und niemandem traut. „Wie geht’s?“
„Ich hab einen Kater“, sagt sie, was mich erstaunt und leicht erschreckt.
Alles an ihr ist reine Kunst, Reinheit, Echtheit, auch die schwarzgefärbten Haare – ein Teil ihrer ganz eigenen, genialen Kunst.
Jedenfalls laufen wir eine ganze Weile zusammen durch die Stadt und da kommt es mir vor, als freundeten wir uns tatsächlich an.
Dann aber sehe ich sie in einer mir unbekannten Halle. Dort ist es düster und wir sind allein, sitzen auf dem Boden und ich frage sie wie ein Grundschulkind, ob wir nicht Freunde werden wollen. Sie entgegnet, dass es keinen Sinn hat, weil sich unsere Wege bald sowieso trennen werden, sie werde in eine andere Stadt auf eine Kunstschule gehen, ich aber würde die Erste sein, die verschwände. Sie ist jünger als ich.
In meiner Enttäuschung und der Ahnung, sie danach nicht wiederzusehen, frage ich sie nach dem unglaublichen Schwanenbild, das sie einmal gemalt hat (nicht in Wirklichkeit, nur in diesem Traum). Darauf sind schreiende Schwäne zu sehen, weiße Schäne und ein schwarzer Schwan, der den Schnabel am weitesten aufreißt. Außerdem ein größerer weißer Schwan, mit Abstand der schönste, der nicht schreit.
„Warum schreien die kleinen Schäne?“, frage ich.
„Weil sie neidisch sind“, sagt sie.
„Worauf?“
„Auf den schwarzen Schwan.“
Von diesem Satz bin ich aufgewacht. Als ich später im Zug saß, habe ich versucht, eine Geschichte darüber zu scheiben, aber sie wurde nicht so gut wie ihre. Ich habe das einzige getan, was ich in der Stadt, in der ich jetzt wohne, noch für uns tun konnte und ihr eine Freundschaftsanfrage auf Facebook geschickt, die sie bis heute nicht angenommen hat.
In H. haben wir uns beide ein pinkes Mäppchen mit der Aufschrift „GROSSE GEDANKEN ENTSPRINGEN DEM HERZEN“ in einem Bahnhofshop gekauft, das wir jetzt benutzen. Nur nachdem wir am Schloss geschrieben hatten, kam es bisher zur Verwechslung. Mäppchenzwillinge 😊

15.03.2017
Trdelník [Anmerkung: diese Vokabel für Baumstriezel habe ich bis heute nicht vergessen] mit Schokolade gefrühstückt in einem sehr schönen Café in der Straße unseres Hotels. B. hatte zwei bestellt, eins mit Schokolade und noch eins pur, so dass sie danach sagte, sie wisse nicht, ob sie je wieder was essen könne. Der erste Schluck heiße Schokolade und der erste Bissen Trdelník waren himmlich, leider nahm das aber mit jedem Bissen ab, sodass man es am Ende satt hatte – so satt! In dem Café haben lustigerweise viele Lieder aus B.s Spotify-Playlisten gespielt. Danach waren wir an der Prager Burg und im Veitsdom, in der Altstadt und im Dachcafé U Princo – eine Empfehlung von Papa, wo wir uns aber nicht ganz wohl gefühlt haben (es ist innen sehr nobel, gehört zu einem 5 Sterne Hotel). Wir sind durch viele Souvenirläden, ohne das richtige Souvenir für andere zu finden und sitzen jetzt auf einer Bank am Denkmal des Altstädter Rings. Für uns haben wir ein Souvenir gefunden: Ich eine Postkarte & B. eine Spieluhr mit Schwarz-Weiß-Foto von der Karlsbrücke (leer), die die kleine Nachtmusik spielt.
„Ich glaube, wir geben echt ein gutes Motiv ab“, hat B. gerade gesagt. Sie hat das Gefühl, ständig fotografiert zu werden.
Applaus ertönt. Gerade hat jemand einen Heiratsantrag gemacht!
„Oh mein Gott, wie süß!“
Zum Glück scheint heute die meiste Zeit die Sonne – so scheint Prag ganz anders und B. behält es nicht nur depressiv in Erinnerung.

Abends im Bett Stadt-Land-Fluss:
Autor – Drama – Roman – Figur – literarischer Ort
Arne – – Alice –
Rilke – Räuber – Ruf der Wildnis – Raskolnikow – Rhein (Lohreley)
Heine – Hamlet – Hanni & Nanni – Hanni – Hogwarts
Ernest Hemingway – – Effi Briest – Effi Briest –
Schiller – Stuart (Maria) – Stiller – Siegfried – Schweden
16.03.2017
Die Person passte zu dem Schmerz, den ich aus der alten Zeit mitgenommen hatte, und meinem Wunsch, zu leben.
Mein Lieblingsort in Prag: Die Karlsbrücke.
Sitzen auf der Terrasse des Starbucks am Schloss, strahlend blauer Himmel, Kafka, O-Saft sauer wie eine Zitrone; wir wohnen hier direkt unter dem Schloss, was uns erst heute richtig aufgefallen ist.
B. möchte jetzt öfter nach Prag fahren; man braucht immer mal wieder etwas anderes und hier ist es nicht teuer.

Ich wollte noch aufschreiben, wie zufrieden ich gestern Abend war (ich hatte Pasta mit Tomatensoße, ein Stück von B.s Pizza und ein paar ihrer Pommes gegessen) im Bett, mit C. und M. chattend, mit B. lachend, über Beziehungen redend (wir haben zu hohe Ansprüche), YouTube-Musik mit dem Handy und Kopfhörern hörend, Tee trinkend – wir trinken morgens und abends von dem Tee auf dem vornehmen Tischchen unseres Hotelzimmers.
Ich habe eine vage Ahnung, wo wir gerade sind. Eine Stunde haben wir gebraucht, um hier anzukommen. Ich sitze auf der Treppe vor der Kirche, B. auf einer Bank im Schatten. Die Sonne blendet mich vom Boden aus, wenn ich meinen Blick ein wenig hebe. Im Schatten ist es mir ein wenig zu kalt; heute laufe ich nur in Pulli und Schal rum – ich warte so sehnsüchtig auf den Frühling und heute ist so ein Tag – er fängt mal wieder an …
Morgen werden wir früh aufstehen, eine hoffentlich leere Karlsbrücke vorfinden* und im jüdischen Viertel frühstücken. Zurück zum Hotel Koffer holen, zum Wenzelsplatz und hoffentlich dort in der Nähe den Laden mit den Schnittchen finden, der so gut sein soll (Liberske Lahudky oder so ähnlich).
Eben dachte ich, ich hätte mein Tagebuch verloren – schon bedeutet es mir so viel, dieses Reisetagebuch! Splitter einer Alkoholflasche haben sich hineingebohrt, als ich es unbewusst schon herausgeholt und zwischen mich und den Rucksack auf die Treppe gelegt hatte. Die Treppe vor der gothischen Kirche, die der Architekt errichtet hat, der auch den westlichen Teil des Veitsdoms gebaut hat.
*das haben wir – und sie so fotografiert (wie auf den Postkarten)



