Mit dem Nachtzug nach Ljubljana und Triest
Oder besser gesagt: mit einem ICE, der über Nacht fährt. Nachts vergeht die Zeit schneller beim Versuch, im Sitzen zu schlafen. Um 6:30 Uhr kommen wir in München an. Dort hat als einziges ein türkisches Restaurant geöffnet, wo wir Börek frühstücken. Lecker!
Der nächste Zug bringt uns durch das Allgäu über Salzburg nach Villach, wo wir in eine slowenische Bahn umsteigen. Wir genießen die Aussicht auf die Berge aus dem Zugfenster. Podcast und Musik hören und lesen. Diese Art des Reisens fühlt sich entspannter, echter und freier an, als zu fliegen, auch wenn oder gerade weil wir fast einen ganzen Tag unterwegs sind.

Wir fahren in einen Tunnel durch einen Berg und sind auf der anderen Seite in Slowenien. Ein türkisblauer Fluss schlängelt sich die Bahnstrecke entlang. Kurz vor Ljubljana steigen wir in den Schienen-Ersatz-Verkehr um. Eine halbe Stunde später sind wir endlich da. Alle zwei Kilometer ist eine weitere Lidl-Filiale ausgeschildert. Der Bahnhof ist eine riesige Baustelle. Das letzte Stück zur Unterkunft laufen wir.
Diesmal haben wir keine Sehenswürdigkeiten im Voraus geplant und gehen einfach der Nase nach. Auch das ist eine schöne, neue Erfahrung – total erholsam – und lässt sich in Ljubljana gut machen. Alle Wege scheinen in den Stadtkern zu führen: am Fluss im Schatten der Burg auf einem Hügel zu schönen Cafés und Souvenierläden, Straßenkünstlern und Musikern. Ljubljana ist grün – inzwischen sogar herbstlich bunt – und lebendig. Der Stil erinnert mich an Vilnius.





Am nächsten Tag besichtigen wir die Höhlen von Postojna. Wir fahren mit der Bergbahn, fühlen uns angesichts der Kulisse wie in Gringotts und bestaunen die gewaltigen Tropfsteine. Zählt man von der Spitze nur 30 Zentimeter nach unten, kommt man zu der Zeit, als die Pyramiden gebaut wurden. Und viele Tropfsteine sind weitaus größer. In einem Aquarium sehen wir zwei Grottenolme, die früher für Drachenbabys gehalten wurden. Die augenlosen Tiere können mehrere Tage ohne Nahrung auskommen und bis zu 100 Jahre alt werden. Der unterirdische Fluss in der Höhle ist ein weiteres Highlight.



Zurück in der City werden wir Zeugen eines Filmdrehs. Ein mit Kameras ausgestattetes Auto fährt nach einem Hupsignal neben einem leuchtend roten SUV mit Leipziger Kennzeichen her, die Straße mehrmals hoch und runter.
Anschließend Sonnenuntergang auf dem Burghügel.



Am nächsten Vormittag geht es mit dem Flixbus 1,5 Stunden nach Triest. Dort bleiben wir zwei Nächte und fühlen uns in den Sommer zurückversetzt. Auch hier finden wir die Burg schnell, als wir immer weiter hoch laufen. Am Meer neben einer von Pinienbäumen gesäumten Promenade und am Hafen zwischen Anglern und der AIDA liegen, lesen, Qallen beobachten, ein Gedicht mit dem Titel Kreuzfahrer und Kreuzritter planen, Tiramisu und Pizza essen. Lemon Soda und Madeleines. Bella Italia.






Ein Besuch des Friedhofs ist uns auch auf dieser Reise willkommen. Meine Lieblingsstatuen, die in die Sonne schauen, habe ich fotografiert:


Ich habe vergessen, wie italienisches Schokoladeneis schmeckt. Erdbeere und Kokos sind auch exquisit, aber ich würde die beiden gegen noch zwei weitere Kugeln Schokolade eintauschen. Ich glaube, in Italien ist Schokolade meine Lieblingssorte geworden, damals mit vier. Wir essen das Eis in einem Park, der zugleich als Schulhof dient. Die italienische Jugend hat gerade aus, geht miteinander und raucht.
Wir wohnen nur ein paar Schritte weiter. Am ersten Abend sitzen wir auf dem Platz auf einer Bank, beobachten Passanten und hören dem Gitarristen zu, bis wir feststellen, dass er Playback spielt. Dann drehen wir noch eine Runde und sehen zu, wie die AIDA ablegt; es dauert, bis alle Taue gelöst sind. Am nächsten Tag liegt an ihrer Stelle ein TUI-Dampfer. Zum Glück ist er weg, als wir auf dem Steg sitzen, wo ein Fisch zappelt, wir auf die leuchtende Stadt blicken und eine Sternschnuppe sehen. Das Leuchten in den Straßen macht die Nacht zum Tag.




Wir hätten uns noch eine dritte Stadt aussuchen können. Stattdessen fahren wir zurück nach Ljubljana in ein außen baufälliges, innen kunstvolles Appartment und machen dort zwei Dinge, die wir zu Hause länger vorhatten und wozu wir in letzter Zeit nicht gekommen sind: Wir fahren zu IKEA (und genießen IKEAs Essen, wie vor einem Jahr in Marokko). Und wir besuchen neben Vintage-Läden und dem Tivoli-Park den Zoo. Die Bustickets sind in beiden Städten günstig und in Ljubljana können wir sogar kontaktlos am Kartenlesegerät im Bus zahlen. Im slowenischen Bus sind außerdem zwei Sitzplätze für Leseratten reserviert („book readers only“).





Auf der Rückreise stranden wir zuerst in Villach, das wir somit zwei Stunden besichtigen dürfen und wo die Geschäfte schon um 17 Uhr schließen. Villach hält uns zum Narren.


In München verpassen wir unseren ICE, der um Mitternacht abfährt, auch aufgehalten von der Grenzkontrolle, die einen schwarzen Mann ohne Personalausweis unfreundlich mitnimmt. McDonald’s ist der einzige warme Ort im nächtlichen Bahnhofsgebäude, völlig überfüllt – das stört mich am Stadtbild. Dort warten wir drei Stunden auf den nächsten ICE. Genauso wie eine Schulklasse. Die Kleinen nehmen es gelassen. Ihre Lehrerin nicht so. Neben uns haben sich drei junge Leute aus Frankreich, Belgien und Schweden gefunden und spielen Mau Mau. Statt „Mau Mau“ sagen sie „Miau Miau“.
Immerhin bekommen wir die Hälfte des Ticketpreises (ursprünglich 50€ pro Person und Weg) zurück und damit kommen wir für nur 25€ von Ljubljana zurück nach Münster.
