Niederlande,  Reisen

Mit dem Fahrrad durch die Niederlande

Unsere Route (rote Standorte = Campingplätze):

Nachdem ich den Film Same Sun über eine Fahrradreise nach Südafrika gesehen habe, will ich wissen, was es heißt, Gepäck und Obdach auf dem Sattel zu transportieren, jeden Abend woanders das Zelt aufzuschlagen und mich aus eigener Kraft fortzubewegen… oder zumindest im Tour-Modus meines E-Bikes.
Ich liebe mein Fahrrad. Jeden Tag bringt es mich unabhängig von Fahrplänen oder steigenden Benzinpreisen durch die Stadt. Ich fliege dahin und komme frisch und wach am Zielort an. Am Lenker hängt immer noch die grün-weiße Rose des Schützenfests vor zwei Jahren, die mein Freund ihm angesteckt hat wie ein Accessoire zum Ball. Er kommt mit, liebt sein E-Bike auch und fährt damit jeden Tag 24 Kilometer zur Arbeit und zurück.
Das Land, in dem wir es zum ersten Mal versuchen wollen, steht schnell fest. Wir wohnen quasi nebenan und wollen testen, wie sehr die Niederlande tatsächlich Fahrradland sind.

Wir starten in Dörpen in Niedersachsen. Kurz nach der niederländischen Grenze haben wir den ersten Platten in Bourtange, einer ehemaligen Festung. Wir haben nur Flickzeug dabei, keine Luftpumpe, aber andere Radfahrer*innen helfen uns und wir schaffen es bis zu einem Vorgarten, wo eine ältere Frau uns eine Pumpe aus Holz ausleiht. Später kaufen wir uns eine eigene und flicken den Reifen noch insgesamt viermal, an Gewässern, wo wir das Loch ausmachen können. Am ersten Tag nach dem Urlaub wird der Reifen platzen.
Nächstes Mal werden wir uns einen Ersatzschlauch mitnehmen. Aber es ist auch schön, so unvorbereitet und planlos auf die Reise zu gehen, nicht zu wissen, wo wir am Abend landen und wie schnell wir den Weg zum Meer zurücklegen werden. Für die Navigation nutzen wir einen „Fietsatlas“. Wir folgen den Knotenpunkten und ich komme mir vor wie der vergessliche Fisch Dorie aus dem Film Findet Nemo, der ständig „P. Sherman, 42 Wallaby Way, Sydney“ vor sich hinsagt. Ich denke zum Beispiel „81, 45, 79, 05, 04 …“ repetitiv, um mir die nächsten Knotenpunkte zu merken. Erst am Ende unserer Reise schreiben wir uns die ca. 30 Zahlen für eine Tagesroute auf einen Zettel und befestigen ihn an der Rose am Lenker. Das erleichtert die Fahrt!

Wir fahren ca. 70 Kilometer am Tag. An den ersten beiden Abenden liege ich mit Kopfschmerzen auf der Luftmatratze (die wir selbst aufpusten, kraft unserer eigenen Lungen), danach werde ich jeden Tag stärker und erholter.
Es geht übers Land, herrlich grün und flach, durch urige Dörfer, an wunderschönen Backsteingebäuden mit Porzellangeschirr hinter den Fensterscheiben vorbei. Die Gärten sind entweder gemäht oder wachsen romantisch wild. Pferde, Fohlen, Kühe, Alpakas, Esel mit Nachwuchs und unzählige Enten und Blässhühner. Die Küken der Blässhühner (oft nur eins pro Paar) schreien herzzerreißend. Die vielen Gewässer passieren wir über Brücken oder für 1 € mit der Fähre. Zwischendurch kühlen wir uns ab, in einem Fluss oder See. An zwei Tagen ist es so heiß, dass wir auf Wiebke Lühmanns Trick zurückgreifen und die T-Shirts nassmachen. An einem anderen Tag ist der Westwind unser größter Gegner. Abgesehen davon haben wir „Glück“ mit dem Wetter, die Sonne scheint, sodass wir schnell so braun sind wie in einem Strandurlaub. Nur nachts oder morgens regnet es mal, aber nie auf dem Fahrrad.
Was wir kurzsichtig Glück nennen, bedeutet jedoch nichts Gutes. Die Trockenheit erhöht die Waldbrandgefahr um ein Vielfaches und nach dem Urlaub wird mein Freund als Feuerwehrmann herangezogen, um den größten Waldbrand in der Geschichte NRWs zu bekämpfen.
An diesen Tagen ahnen wir davon aber noch nichts.
So viel frische Luft und Bewegung – ich spüre den Widerstand der Natur und das fühlt sich wunderbar echt an. Komfort langweilt mich schnell. So unterwegs fühle ich mich lebendig. Das Land gibt und wir hinterlassen kaum Spuren.
Die Frage, was wir am nächsten Tag machen, stellt sich uns nicht. Stundenlang radeln, im Schnitt 20 km/h. Eine weitere Stunde täglich bauen wir das Zelt auf und ab.

Wir haben nichts im Voraus gebucht. Die günstigsten Campingplätze (10–15 € pro Person) sind die schönsten: Dort schlafen wir auf Bauernhöfen, im Schatten alter Scheunen, in den Schlaf gesungen von Tieren. Einmal steht unser Zelt direkt neben einer Schafsweide. Ein Schaf – wir nennen es Shaun – steht nicht bei der Herde, sondern wartet darauf, von uns mit dem frischen Gras auf unserer Seite des Zauns gefüttert zu werden.
Auf einem anderen Bauernhof gibt es einen Tischkicker – darin bin ich Profi. Woanders essen wir Softeis aus der Milch hauseigener Kühe und streicheln eine Ziege, die sich einsam ein Drahtseil entlang bewegen darf. Hühner sehen wir auch öfter mit wenig Platz – da haben es unsere Hühner viel besser.
Einmal beobachten wir einen Mann um die 50 mit Dachzelt, der abends noch Besuch von einer Frau in unserem Alter mit Fahrrad bekommt. Er schaut sich verdächtig auf dem Platz um. Am Morgen sind die junge Frau und ihr Fahrrad weg.
Abgesehen von diesem grimmig dreinschauenden Typen sind auf den Campingplätzen alle gut drauf. Man begegnet sich mit einem Strahlen, auch wenn ein Baby im benachbarten Waschbecken panscht und einen nassspritzt. Ich stelle mir die Atmosphäre in einem 5-Sterne-Hotel unzufriedener vor.
Überall gibt es spontan für unser Zelt noch einen Platz und einen Adapter zum Ausleihen, sodass wir unsere E-Bikes über Nacht laden können.
Wir essen Vla, Kibbeling, Pfannkuchen und Apfelkuchen mit Schlagsahne.
Am Anfang kommen wir durch Groningen, eine Unistadt mit imposantem Stadtbild – Besichtigen mit dem Fahrrad geht so viel schneller als zu Fuß. Keine Parkplatzsuche.
Die Motorräder sind mit E-Antrieb oft angenehm leise, was ich mir vor unserer Haustür ebenfalls wünschen würde. Viele Jugendliche fahren dicke E-Bikes – eine coole Alternative zu stinkenden Motorrollern.

Als wir zum Meer kommen, herrscht Ebbe.
Den Abschlussdeich, der das IJsselmeer von der Nordsee trennt, passieren wir mit einem kostenlosen Fietsenbus, der uns 27 km weiterbringt. Danach fahren wir durch den Landesteil, der tatsächlich „Holland“ heißt. Hier sind in den Küstenorten mehr Urlauber unterwegs, aber die weiten Sandstrände sind trotzdem nicht überfüllt.
In Schoorl habe ich früher oft Urlaub gemacht. Meine kleine Schwester ist die Sanddüne mitten in der Stadt hochgeklettert. Dann sind wir mit Fahrrädern ohne E-Antrieb durch die Dünenlandschaft zum Strand gefahren. Der Weg kam mir damals viel weiter vor. Am Strand zeige ich meinem Freund, wo ich allein in den Dünen gesessen und geschrieben habe. Nicht gut für die Düne, aber das wusste ich da noch nicht.
Revolverheld geht mir durch den Kopf: „Auf unserer Düne, ist sie wohl immer noch so? Klettern sie heute andere hoch?“
Ein paar Meter weiter beginnt der FKK-Strand. Da sind nur ältere Körper unterwegs, wie früher. Bis jetzt. Mit 15 bin ich zum ersten Mal nackt ins Meer gegangen und wurde von dem Genuss dessen überrascht. Eins sein mit dem Ozean. Allein.
Auch wir gehen an diesem Tag ins Meer und wieder ist es ein sinnliches Erlebnis. Ich fühle mich wie eine Galapagos-Schildkröte, die an den Ort ihrer Geburt zurückkehrt. Die Wellen haben genau die richtige Höhe. Anschließend fühle ich mich wie neugeboren.

Wir fahren weiter – einen Weg, den ich damals nicht gefahren bin. Bergab geht es durch ein traumhaftes Waldstück, das mein Freund den schönsten Wald nennt, in dem er je gewesen sei. Auch das macht wellenartig einen Heidenspaß.
Wir erreichen Bergen, Alkmaar und am nächsten Tag Amsterdam. Dort wehen Regenbogenfahnen in jeder Straße und jedem Schaufenster. Toll! Es sind Pride Weeks. Würden unsere Städte und Kaufhäuser auch derart Farbe bekennen? In einem Vintage-Shop kaufe ich mir ein Batik-T-Shirt, das aussieht wie eine untergehende Sonne und mich an diese Reise erinnern wird.
Nur die Scherben überall in Amsterdam sind fatal. Es ist unmöglich, allen auszuweichen.
Als wir durch das Rijksmuseum fahren, spielt ein Geiger die Titelmelodie von Game of Thrones.

Nach Amsterdam biegen wir Richtung Osten ab. Drei Tage brauchen wir noch bis Enschede, wo wir in die Euregiobahn steigen und flott wieder zu Hause sind. Neun Tage waren wir unterwegs, für rund 150 Euro pro Person. 585 Kilometer haben wir mit dem Fahrrad zurückgelegt.
Die besten Erfahrungen kamen ohne Reiseführer. In einem Waldstück, in dem wir über Schotter kilometerweit bergauf gestrampelt sind – um dann mit bis zu 40 km/h wieder runter zu düsen. Oder in einem Tierreservat, in dem wir Rehe vermutet haben. Die Fladen auf dem Weg kamen uns schon groß vor, aber überrascht waren wir erst, als Hochlandrinder mit ellenlangen Hörnern am Wegrand standen, an denen wir irgendwie vorbeimussten. Das Adrenalin. Die Entdeckungen. Und die Heringe.
Autos stellen auch in den Niederlanden die größte Gefahr dar und an manchen Stellen hätten wir uns bessere (oder überhaupt) Radwege gewünscht. Insgesamt ist die Fahrradinfrastruktur aber gut ausgebaut, sodass ich mir, wieder zurück in Deutschland, auch hier mehr davon erhoffe. Lest dazu auch gerne meinen Beitrag Utrecht: Fahrradstadt von morgen schon heute. Als Einstiegsland für eine Fahrradreise sind die Niederlande auf jeden Fall zu empfehlen!

2 Kommentare

Kommentar verfassen