Therapissed und Bock auf Berlin
Wie bitte kann es sein, dass gestern, am 8. Juni 2026, in Berlin mehr Menschen gegen Migration auf die Straße gegangen sind als gegen die geplanten Kürzungen in der psychotherapeutischen Versorgung? Ich will es nicht einfach dabei belassen, dass jene 4000 Demonstrierenden mit Deutschlandflaggen mehr Schlagzeilen gemacht haben als wir. Nicht mit mir!
Wir waren mehr als 500, die gestern neben dem Reichstagsgebäude ordentlich Lärm gemacht haben – ich mit dem einzigen Utensil, das ich zu Demos mitnehme: meiner Trillerpfeife. Trotzdem hielt ich plötzlich ein überdimensioniertes Plakat mit der Abbildung eines Fußballstadions darauf in die Höhe, das mir jemand in die Hand gedrückt hatte. Darauf stand, dass die 75.000 Therapieplätze, die nun wegzufallen drohen, einer ausverkauften Allianz Arena entsprächen.
Eine andere PiA (=Psychotherapeutin in Ausbildung), die ich auf der Demo kennengelernt habe, war wie ich aus einer Stadt angereist, die mehr als drei Stunden Bahnfahrt von Berlin entfernt ist. Sie hatte ein selbstgebasteltes, von mehreren Demos bereits abgewetztes Plakat dabei, auf dem nur ein Wort stand: therapissed. Dieses Wort stand auch auf einigen Kappen der Anwesenden und brachte so gut zum Ausdruck, wie ich mich angesichts der zum 1. April 2026 erfolgten Honorarkürzung um 4,5% und der weiteren geplanten Einschnitte bei der Vergütung psychotherapeutischer Leistungen (u. a. gedeckelte Budgets, Kürzungen bei Kurzzeittherapien) fühle.
Es geht dabei weniger um mich und meine berufliche Zukunft. Nicht darum, dass ich in meiner Ausbildung zur Psychologischen Psychotherapeutin nicht über die Runden käme, wenn ich keine Rücklagen hätte. Dank dieser Rücklagen komme ich klar und hoffe, dass ich das nach diesem großen Investment auch weiterhin werde. Angesichts der Kürzungen bin ich verunsichert, wie ich spätere Praxiskosten werde stemmen können, aber ich werde schon klarkommen. Ich gehöre nicht zu den Studierenden, deren Finanzierung der Weiterbildung ungeklärt ist und für die es kaum Plätze gibt, was die künftige psychotherapeutische Versorgung ebenfalls bedroht. Ja, es ist unfair, dass die Leistungen dieser Studierenden, der PiAs (einschließlich mir), Psychologischen Psychotherapeut*innen (PP) und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut*innen (KJP) abgewertet werden – dass Psychotherapie als hochwirksames Verfahren mit den Kürzungen abgewertet wird. Dass hierbei die Inflation nicht berücksichtigt wird. Dass PP und KJP – sozialrechtlich den medizinischen Fachärzt*innen gleichgestellt – die am schlechtesten bezahlte Facharztgruppe bilden. Dass im Gegensatz zu den medizinischen Fachärzt*innen 77% der PP und KJP Frauen sind (mit steigender Tendenz) und die Gender-Pay-Gap damit verschärft wird. Dass ein Gesetz, das die PP und KJP ursprünglich schützen sollte und die Honorarkürzung überhaupt erst so schnell ermöglichte, missbraucht wurde. Deshalb wurde dagegen geklagt.
Was mir wirklich Sorgen macht, ist, dass jede Kürzung zu einer Verknappung des psychotherapeutischen Versorgungsangebots führt und damit zu weniger Therapieplätzen und noch längeren Wartezeiten. Das schadet letztlich (meinen) Patient*innen. Ich protestiere aus ethischen Gründen. Ich mache mir Sorgen um psychisch erkrankte Menschen – und im Laufe des Lebens sind 43% der Menschen in Deutschland davon betroffen. Diese werden an erster Stelle darunter leiden.
„Aber die Wirtschaft“ ist unser Argument. Kürzungen in der psychotherapeutischen Versorgung werden die Wirtschaft treffen. Psychische Erkrankungen sind die häufigste Ursache für Frühverrentungen. Diese sowie Langzeitkrankschreibungen sind mit erheblichen Arbeitsausfällen verbunden und führen zu einer enormen finanziellen Belastung der Sozialversicherungen. Was da hilft, ist Psychotherapie. Ohne diese wiederum werden die Kosten für das System steigen (mehr als sie gekostet hätte). Das ist eine einfache Kosten-Nutzen-Rechnung. Auf der Demo haben wir gerufen: „Wer heute kürzt, zahlt morgen drauf!“
Nicht ohne Grund hat mein Ausbildungsinstitut angeboten, uns PiAs die Kosten der Bahnfahrt nach Berlin für diese Demo zu erstatten. Ich hatte schon länger Lust, mal wieder in Berlin zu sein – und auf meinem Bingo mit Wünschen für Aktivitäten für 2026 war der Besuch einer Millionenstadt noch offen. Damit hatte ich mein erstes Bingo dieses Jahr!
Ich bin einen Tag früher angereist und erst am Abend des Demo-Tags zurückgefahren. In Berlin habe ich mich treiben lassen, über Kunst- und Bücherflohmärkte, durch den Regenbogenkiez mit dem queeren Buchladen Eisenherz, Moabit und die Spree entlang. Plötzlich fand ich mich auf der Museumsinsel in einer Diskussionsrunde über die zunehmende Gewalt gegen queere Personen wieder. Im Bali Kino habe ich den beeindruckenden Dokumentarfilm „Same Sun“ über Wiebke Lühmanns Fahrradreise von Freiburg bis nach Südafrika zum Kap der Guten Hoffnung gesehen. Danach bin ich zum Wannsee gefahren und habe mich erinnert, wie ich mit 11 am selben Ort war. Zwischen den Stationen habe ich jeweils in der U-Bahn eine rasende Pause gemacht. Einmal wurde ich dabei von einer Koreanerin angesprochen, die Berlin für fünf Tage besuchte und mir eine Reise nach Südkorea nahelegte. Allein reisend habe ich an den zwei Tagen mehr Leute kennengelernt als sonst in einer Woche.
Im Hostel-Zimmer für vier waren wir zuerst nur zu zweit. Ein interrailreisender Informatikstudent aus Norwegen und ich. Es war schön, vom Anfang seiner lang geplanten Reise zu hören und ihm im Gegenzug von der anstehenden Demo zu berichten. Die beiden anderen Zimmergenossen kamen im Abstand von ca. 2 Stunden mitten in der Nacht und die Spinde und Etagenbetten, die sie bezogen, hielten mich wach. Der Wecker des Ersten klingelte um 6 Uhr und somit war die Nacht auch für mich beendet. Ich holte mir Croissants und Laugengebäck bei LIDL und frühstückte auf dem Gelände der Charité.
Später bin ich im KulturKaufhaus Dussmann mit Büchern über fünf Etagen und vielen anderen coolen Waren (Spiele, Karten, Schallplatten, Band-T-Shirts etc.) versackt und hätte fast die Demo verpasst. Mein neuer Lieblingsort in Berlin!
Im Dussmann aus der vierten Etage springen
An den Romanen in der dritten vorbei
Und innerhalb eines Wimpernschlags
Komm ich unten in der Vinyl-Abteilung an – Betterov
Als ich am Bundestag aus der U-Bahn stieg, habe ich zuerst keine Versammlung gesehen. Nur eine Frau in Schwarz-Rot-Gold; später sollte ich ihre Kolonne auf der Friedrichstraße sehen – gruselig. Auf der Paul-Löbe-Allee haben mich zwei ältere Frauen als wahrscheinliche „Kollegin“ erkannt. Diese beiden Psychotherapeutinnen kamen ebenfalls aus einer Stadt, die mehr als drei Stunden von Berlin entfernt liegt, und hatten ein Banner dabei. Eine hatte sogar in derselben Stadt studiert wie ich und kannte drei meiner allerältesten Dozierenden. Wir fanden den Anschluss an die vielen anderen, die zur Bühne unserer Demo liefen, wo ich ein bekanntes Gesicht sah und eine PiA traf, die wie ich von einer eigenen Praxis und Landleben mit Hühnern träumt.
Wir riefen: „Wir helfen! Ihr kürzt!“, während nebenan der Petitionsausschuss tagte. Mehr als 125.000 Menschen hatten die Petition zur Sicherstellung der ambulanten psychotherapeutischen Versorgung durch angemessene Vergütung unterstützt. Danke, wenn ihr dabei wart oder anderweitig aktiv (geworden) seid oder noch aktiv werdet, zum Beispiel, indem ihr das Thema sichtbar macht, einen Beitrag dazu teilt oder eure Abgeordneten anschreibt!
Keine Finanzierung hieße: keine Therapie!




2 Kommentare
Anonym
Hallo Leonie
Danke für Deinen Bericht .
Da gehe ich mit Euch mit !!!!!
Darüber hinaus freue ich mich ,das es
DIR in Berlin so gut gefallen hat.
Bitte grüße herzlich Leonard von
MIR.
Lg ruth
tintenstiller
Hallo Ruth,
Dankeschön! Berlin ist immer ein neues Abenteuer. Die Grüße richte ich aus.
Alles Liebe für dich!