Literatur,  Lyrik

Gartenkind

schaut in mich hinein: das war der Sommer des Mädchens und der Vespa
die ich mit meiner Mutter fahren musste und vor der ich mehr Angst hatte als vor Wespen
ich war ein Gartenkind und das Mädchen auch, eines Tages stand sie am Zaun
und ich werde ihr Grinsen nicht vergessen, die Mundwinkel reichten ihr bis zur Nase
danach wollte ich die Haare wie sie haben, braun und mit blonden Strähnen versetzt
aber ich war sandkastenblond und Oma erzählte noch lange Geschichten
sie sagte, wenn Opa mich heute sehen könnte, wäre er stolz auf mich
aber an diesem Tag, an dem ich von dem Mädchen sprach, war er es ganz sicher nicht
ich sehe noch seinen Gesichtsausdruck auf der Hollywoodschaukel
als hätte er in einen der Boskop-Äpfel gebissen, die meine Zunge immer noch zum Bitzeln bringen, beim bloßen Gedanken daran
es kam mir vor, als hätte ich etwas Verbotenes getan, gefühlt
ich wollte sie unbedingt wiedersehen und hatte ihr meine Nummer gegeben
es war wie Geburtstag, als ihre Mutter anrief und mit meiner telefonierte
wir hatten noch das Kabeltelefon am Fester, wo ich am liebsten auf Mithören drückte und alles mitbekam
jeden Sonntag schauten wir die Sendung mit dem Moderator, der wie eine Obstsorte hieß
und Leuten dabei half, eine Sandkastenliebe wiederzufinden – aus dem Alter war ich schon raus
und doch denke ich an sie, wenn ich mich heute frage, nach wem ich in einem solchen Format suchen würde
ihren Namen weiß ich nicht mehr, er war wie Sand auf dem, was sich eingeprägt hat
Skulpturen zweier Mädchen, die durch den Rasensprenger springen
und sich mit in der Sonne gekochtem Parfüm bespritzen
ich habe keine Fotos von ihr, doch für manche Momente braucht es gar keine
nächstes Jahr werde ich 30, aber noch mehr verwundert mich, dass auch sie so alt sein muss, auch dieses Kind
wie bin ich damals so leicht über sie hinweggekommen, ich habe es kaum wahrgenommen
als sie plötzlich weg war und von ihr nur diese Bilder geblieben sind

Ein Kommentar

  • Felicitas Sturm

    Da werde ich traurig und nostalgisch, allein beim Lesen. Manche Menschen bleiben einfach in Erinnerung. Aber vielleicht ist es besser, wenn sie in Erinnerung bleiben, denn wer weiß, wie dieses Mädchen heute wäre und ob du noch immer so begeistert und fasziniert wärst.
    Löchrige Erinnerungen schützen nicht vor Enttäuschungen, ganz im Gegenteil.

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