Literatur,  Prosa

Was von euch übrig bleibt

Warum Taro zum Täter geworden war, blieb Linh trotz Begriffen wie „Ausländer“, „Einzelgänger“, „Japaner“, „still“, „zurückgezogen“, „mittellos“, „Vater im Schießverein“ und „psychisch kranke Mutter“ in den Schlagzeilen ein Rätsel, das sich ohne Taro nicht lösen ließ. Deshalb war sie jetzt hier, zehn Jahre und elf Tage später. Sie konnte Taro nicht ansehen, spürte aber seinen Blick auf ihr ruhen. Auch die anderen beäugten sie neugierig, als sie das Tor zum Schulhof aufschloss.

Linhs Hand zitterte und der Schlüssel passte. Aster, Naemi, Marlo und Taro fragten sich, woher sie den Schlüssel für den Schulhof hatte. Sie fragten auch Linh, aber sie sagte: „Erklär ich euch später.“
Linh hatte sie eingeladen, alle vier, um gemeinsam in dieser Silvesternacht in das neue Jahr 2026 zu starten. Sie waren Teil des Abijahrgangs 2016 an der Ada-Lovelace-Schule gewesen, die sie nie mehr betreten hatten, seit sie diese in den Kostümen ihrer Kindheitshelden verlassen hatten. Linh war als Kim Possible gegangen, Taro als Ron Stoppable, Marlo als Superman, Naemi mit einer blonden Perücke als Hannah Montana und Aster hatte einen Besen dabeigehabt.
„Wer sagt, dass Hermine nicht schwarz ist?“, hatte Aster gesagt.
Nun trug Aster die Haare kurz, Marlo einen Anzug, Taro sah schöner aus denn je und Naemi hielt Asters Hand. Nur Linh sah etwas zerzaust aus mit den hüftlangen Haaren und dem billigen Pelzmantel, den sie sich mit verschränkten Armen wie einen Tarnumhang zuhielt. Früher hätte sie niemals eine Fälschung getragen und sie hätte die Haare geglättet. Heute war es kein Makeup, das sie bleich wirken ließ.
Niemand wagte zu fragen, ob sich Linh die Handtasche aus echtem Krokodilleder inzwischen leisten konnte, auf die sie vor dem Abi so scharf gewesen war.
Marlo achtete als Einziger auf Linhs Augen und sah, dass ihr Blick ein anderer war. Früher hatten ihre Augen Funken gesprüht wie eine Wunderkerze. Heute dachte Marlo bei Linhs Augen an leere Höhlen und bei ihrem Gesamtbild an ein Gespenst.
Sie folgten Linh auf den Schulhof. Linh humpelte. Und das in High Heels. Wenn Linh etwas an ihrem Aussehen gestört hatte, dann ihre Größe. Als Marlo Linh das letzte Mal gesehen hatte, war sie in High Heels auf Krücken gegangen.
Auf einer zugefrorenen Pfütze rutschte Linh beinahe aus. Sie anderen gingen problemlos und ohne mit der Wimper zu zucken, über das Eis.
In der Ferne waren erste Silvesterknaller zu hören, wie ein Gewitter, das langsam, aber sicher näherkommt.
„Was ist denn hier passiert?“, fragte Naemi.
Auch wenn die Veränderung auf den ersten Blick unscheinbar war, wusste Marlo direkt, was Naemi meinte: Die letzten sechs Bäume waren gefällt und ihre Wurzeln mit Beton übergossen worden. Hier wuchs nichts und niemand mehr.
Wo die Linden einst gepflanzt worden waren, standen jetzt Laternen, die verschwenderisch brannten. Niemand außer ihnen besuchte den Schulhof nachts.
Immerhin war das Wahrzeichen der Schule stehengeblieben: Der Holzturm in der Mitte, so schief und hoch wie der schiefe Turm von Pisa.
„Hat sich da eigentlich noch mal jemand runtergestürzt?“, fragte Marlo.
Aster und Naemi lachten laut, Taro leise. Es war eine alte Gewohnheit, über alles zu lachen, was Marlo sagte. Selbst bei der Erinnerung an das tragische Ereignis, das sie direkt vor Augen hatten. Sie waren in der fünften Klasse gewesen, Linh, Aster und Naemi in der 5a, der Streicherklasse, und Taro und Marlo in der 5d, der Problemklasse. Die 5a schrieb gerade eine Mathearbeit, bei der man eine Stecknadel hätte fallen hören können. Aber anstelle einer Stecknadel hörten sie einen dumpfen Schlag von draußen. Aster saß in der ersten Reihe direkt am Fenster, neben ihr Linh und noch einen Platz weiter Naemi. In dieser Reihenfolge sahen sie nacheinander den leblosen Körper neben dem Turm, bevor sie von der Lehrerin weggezerrt wurden. Um den Kopf des Schülers, der in ihren Augen schon ein Mann gewesen war, hatte sich eine rote Pfütze gebildet.
Bei der Erinnerung an das Blut zuckte Naemi zusammen und sah ein Bild, das sie sich nicht erklären konnte: Asters Kopf mit nur einem Auge und einer Schusswunde anstelle des anderen Auges auf rotem Linoleumboden. Doch so schnell, wie dieses Bild gekommen war, war es auch wieder verschwunden.
„Ich bin mir sicher, wenn so etwas ein zweites Mal passiert wäre, hätten sie den Turm dem Erdboden gleichgemacht“, sagte Linh. „Man hat ihn ja mit Gitterstäben gesichert.“
Sie hatten damals gegen den Abriss des Turms protestiert. Er war der einzige Ort gewesen, wo sie Geheimnisse austauschen konnten. Die höheren Klassen hatten einen Sitzstreik im Turm organisiert und Aster hatte Unterschriften gesammelt. Sie hatte Taro über Linh gekannt und die Petition an ihn und die 5d weitergegeben. Linh und Taro waren seit der Grundschule wie Kim Possible und Ron Stoppable gewesen, daran hatte auch die Parallelklasse nichts geändert. Manchmal waren sie sogar Kim und Ron genannt worden, mitunter gefolgt von rassistischen Fragen, die die Herkunft von Linhs Mutter und Taros Vater noch dazu über einen Kamm geschert hatten.
Doch jetzt würdigte Linh Taro keines Blickes, obwohl Taro sie immer wieder mit hochgezogenen Augenbrauen ansah. Es schien, als würde sie seinem Blick systematisch ausweichen, doch Taro fragte nicht, warum. Er war offenbar immer noch so schweigsam wie früher.
Nur dass Linh so wenig sagte, war merkwürdig. Früher war Linh das Zentrum ihres Sonnensystems gewesen, mit einer Ausstrahlung, die alle geblendet hatte.
Inzwischen waren sie am Fuß des Turms angekommen und schauten hoch.
„Meint ihr, wir können später die Sterne sehen?“, fragte Naemi. Der Himmel hatte schon jetzt seinen dunkelsten Zustand erreicht. „Wusstet ihr, dass der Name Aster Stern bedeutet?“
Naemi drückte Asters Hand und sah sie zärtlich an. Als Linh das sah, stiegen ihr Tränen in die Augen, die sie schnell wegwischte. Aster hatte Linh und Naemi ihr Geheimnis schon mit zehn Jahren auf der zweithöchsten Stufe des Turms (auf die höchste wurden sie von den Größeren nicht gelassen) verraten: dass sie Mädchen cooler fand als Jungs.
Bei Naemi war es anders gewesen. Naemi hatte in der achten Klasse jeden Jungen bewertet, auch Taro und Marlo. Taro hatte fünf Sterne bekommen. Marlo drei. Es schien klar, dass Naemi ausschließlich Jungs mochte, bis zu dem Abend, als sie Flaschendrehen gespielt hatten und Naemi zum ersten Mal Baileys getrunken hatte.
Sie stiegen auf die oberste Stufe des Turms. Nur Linh war außer Atem, als sie die Spitze erreichten.
Marlo fragte, ob jemand Böller dabeihabe. Naemi lachte. Taro schüttelte grinsend den Kopf.
„Ich bin dagegen“, sagte Aster. „Feuerwerk ist so scheiße.“
In dem Moment explodierte eine Rakete ganz in der Nähe. Jetzt war es Aster, die sichtlich zusammenzuckte. Die Wimpern ihrer Augen flackerten, als sie in ihrem Kopf Menschen schreien hörte.
„Was ist?“, fragte Naemi, doch Aster schüttelte nur den Kopf.
„Ich dachte, ich hätte … Egal, alles in Ordnung.“
Linh trat an das Geländer aus Holz heran, sah durch die Gitterstäbe nach unten und wurde direkt von Schwindel gepackt. Diese Grenze hatte einmal jemand zu überschreiten gewagt.
Sie setzten sich auf die Bänke unter dem Geländer, fünf Köpfe, wie die Zacken eines Sterns. Taro und Linh saßen am weitesten voneinander entfernt, Aster und Naemi nebeneinander. Die beiden hielten immer noch Händchen.
Linh machte Marlo ein Kompliment für den Anzug, den er trug.
„Maßgeschneidert“, sagte Marlo und rückte die Krawatte zurecht, begleitet von Naemis Kichern.
Nicht mehr in Taros Schatten, sah Marlo nicht schlecht aus, die blonden Haare nicht mehr im Justin-Bieber-Look, sondern kurz geschnitten. Früher hatte Marlo die längeren Haare mit einer schnellen Kopfbewegung zur Seite geworfen. Jetzt fuhr er sich mit der Hand durchs Haar. Naemi fielen zum ersten Mal seine perfekten Augenbrauen auf. Die Akne war verschwunden.
Aster fragte Marlo, ob er Komiker geworden sei. Marlo war schon in der Schule ein Clown gewesen. Selbst daraus, dem Sitzenbleiben Jahr für Jahr zu entgehen, hatte er einen Running-Gag gemacht.
Marlo berichtete, er sei Anwalt geworden, um sich für Gerechtigkeit einzusetzen, wie sein Vater. Für das Jurastudium sei er nach München gezogen.
Linh dachte, dass das dazu passte, was Marlo erlebt hatte, auch wenn er sich selbst offenbar nicht daran erinnerte. Genau wie die anderen. Nur bei Taro hielt sie für möglich, dass er bloß so tat, als hätte er keine Ahnung, was vor einem Jahrzehnt geschehen war. Und was für eine fürchterliche Rolle er dabei gespielt hatte.
„Echt?“, fragte Naemi.
„Im Sommer bin ich die Eisbachwelle gesurft und im Winter habe ich mir als Skilehrer die Wohnung am Viktualienmarkt finanziert“, sagte Marlo.
Taro prustete los. Sein Lachen steckte Aster und Naemi an.
Marlo lief rot an.
„Was ist denn mit dir, Taro?“, fragte er lauter. „Pflegst du immer noch deine alkoholkranke Mutter? Wie geht es ihr?“
Das Lachen verstummte.
„Ich bin Schauspieler“, sagte Taro. „Und Model. In Berlin, LA und New York.“
Marlo lachte als Einziger, aber sein Lachen klang nicht echt.
Linh sah Taro zum ersten Mal an diesem Abend an und wurde dabei noch blasser. Bei Taros Anblick wurde ihr übel. Sie hatte sein makelloses Gesicht zuletzt in den Nachrichten gesehen; mit einem schwarzen Balken vor den Augen.
„Echt?“, fragte Naemi noch einmal. Aber dieses Mal klang sie anders, lag ehrliche Begeisterung in der Frage. Aster umklammerte Naemis Hand noch fester.
„Was ist mit euch?“, lenkte Taro von sich ab.
Als Aster damit herausplatzte, dass Naemi und sie jetzt zusammen seien, erinnerten sie sich gemeinsam an den Abend, als Naemi statt Wahrheit Pflicht gewählt hatte. Sie hatte eine Person ihrer Wahl küssen müssen und sich für Aster entschieden. Der Kuss hatte ganze zehn Minuten gedauert, sie anderen hatten in der Zwischenzeit weitergespielt. Der Kuss war tatsächlich weniger Pflicht als Wahrheit gewesen. Und doch hatte Naemi am nächsten Tag so getan, als wäre nichts passiert. Beim Abiball hatte Naemi mit Taro und Aster mit Marlo getanzt.
Linh war zum Abiball nicht erschienen. Die anderen hatten sie nicht mehr gesehen, seit sie am letzten Tag der Motto-Woche Kim Possible gewesen war und auch an dem Tag hatte Linh sie, wie in den Monaten zuvor, vollkommen ignoriert, ja, nicht einmal ein Wort mit ihnen gewechselt, obwohl die letzten Tage ihrer gemeinsamen Schulzeit gezählt gewesen waren.
Naemi und Aster erzählten, dass sie in Köln eine WG gegründet hätten. Zum CSD hätten sie die Regenbogenflagge von ihrem Balkon mitgenommen. Und eines Tages sei die Heizung ausgefallen und sie hätten sich in Naemis Bett gekuschelt.
Die beiden zeigten ihre Ringe. Letztes Jahr hätten sie geheiratet, beide in Weiß.
„Und …“, sagte Naemi.
„Ich bin schwanger!“, sagte Aster.
Linh sprach Glückwünsche aus, wirkte dabei jedoch bedrückt.
Marlo fragte, wer denn der Vater sei. Es war das erste Mal, dass weder Aster noch Naemi eine Aussage von ihm witzig fanden.
„Oh, schaut mal her, was hier steht“, sagte Naemi und deutete auf die Stelle im Holz neben ihr, in die etwas eingeritzt war. „Linh plus Taro in einem Herz.“
„Bei mir steht ‚kill yourself‘“, sagte Marlo und zeigte auf eine Edding-Kritzelei. „Darunter ‚no‘. Und darunter ‚doch‘.“
„Darf ich dich etwas fragen, Linh?“, fragte Aster. „Warum hast du uns damals eigentlich von einem Tag auf den anderen sitzen lassen?“
„Ja, Linh, warum hast du auf einmal nicht mehr mit uns gesprochen und so getan, als wären wir Luft für dich?“, fragte Naemi. „Das war schlimm für uns. Und plötzlich meldest du dich wieder bei uns, zehn Jahre später, und lädst uns ausgerechnet auf unseren alten Schulhof ein?“
Linh starrte auf ihre High Heels und schwieg.
„Wir hatten gehofft, du erklärst uns das heute“, sagte Taro. „Wir haben es nicht verstanden.“
„Es gab auch so viel, was ich nicht verstanden habe“, presste Linh hervor.
Ihre Stimme brach. Sollte sie ihnen alles erzählen? Sie drückte die Zacken des Schlüssels in den linken Mittelfinger, das half gegen die Anspannung. Früher hätte sie ihnen alles anvertraut. Doch damals war ihr größter Traum auch eine Handtasche aus Krokodilleder mit vierstelligem Preisschild gewesen.
Linhs Schweigen wurde von einer nahen Explosion durchdrungen. Der Himmel leuchtete mehrere Sekunden lang orange. Es roch nach Chemieunterricht.
BAMM!
Naemi sah erneut die Szene, die sich immer schwerer verdrängen ließ: Aster lag neben ihr auf rotem Linoleumboten, das eine Auge starrte sie an, das andere war nur noch ein Loch, aus dem Blut sickerte.
BAMM!
Naemi spürte einen tiefen Schmerz in der Brust und hatte einen Moment lang den Eindruck, keine Luft mehr zu bekommen.
BAMM!
Noch ein Schuss. In Naemis Vorstellung sackte Linh zusammen und schlug mit dem Kopf auf dem Linoleumboden auf.
BAMM!
Jetzt sah Naemi vor ihrem inneren Auge, wie sie sich selbst an die Brust fasste, aus der das noch schlagende Herz Blut pumpte. Das Blut auf ihrer Hand hatte dieselbe Farbe wie Asters Blut.
Woher kamen diese Bilder?

„Nach dem Abi habe ich zuerst bei ALDI gearbeitet.“ Die Zeit in der Psychiatrie ließ Linh aus. „Ich bin hiergeblieben, aber sofort von zu Hause ausgezogen.“ In der Psychiatrie hatte sie wieder zu malen begonnen. „Und dann habe ich die Kunst neu für mich entdeckt.“
„Ich erinnere mich, wie du früher die Landschaften deiner Reiseziele gemalt hast“, sagte Aster.
Alaska, Neuseeland, Südafrika.
„Inzwischen male ich Menschen.“
Linh schaute durch das Gitter zum Himmel. Bei dem Smog waren keine Sterne zu sehen.
„Wie bist du darauf gekommen?“, fragte Aster.
Damit etwas bleibt. Damit ich nur noch die anderen sehe, nicht mehr mich selbst, dachte Linh.
Ihr ehemaliger Kunstlehrer war auf sie aufmerksam geworden. Sie hatte in der Fußgängerzone gesessen, wie eine Bettlerin, vor einer Staffelei. Ihre Finger fühlten sich schon taub an, doch sie gab sich Mühe, eine non-binäre Person zu porträtieren, die Linh gegenüber angab, zum ersten Mal in einem Pelzmantel unterwegs zu sein. Plötzlich hatte sie jemanden hinter ihr gespürt. Linh hatte sich umgedreht und den Lehrer gesehen, der mit rotblonden Haaren und Bart immer noch aussah wie eine jüngere Version von Vincent van Gogh. Sie hatte ihren Augen nicht getraut. Er war doch tot.
Der Lehrer hatte gesagt, sie habe Talent und er könne ihr bei ihm zu Hause ein paar Techniken zeigen. Ihr war kalt gewesen, ähnlich kalt wie heute in dieser Silvesternacht und sie wollte der möglichen Halluzination, die vor ihr stand, auf den Grund gehen. Also war sie seiner Einladung gefolgt. Bei ihm zu Hause hatte er ein Gericht namens „Himmel und Erde“ mit Blutwurst für sie gekocht.
Damals hatte begonnen, was sie bis heute nicht verstand. Zuerst hatte sie sich für verrückt gehalten, da ihr der Lehrer erschienen war, aber sie ließ sich darauf ein. Auf ihn. Er hatte gedacht, er hätte nach dem Ereignis die Schule gewechselt, aber die Schlüssel der Ada-Lovelace-Schule immer noch in der Kommode aufbewahrt.
Sie hatten das Geschehene gemeinsam aufzuarbeiten versucht und er hatte nicht mehr nach dem Schulhofschlüssel gefragt, nachdem sie noch einmal zusammen an diesem Ort gewesen waren. Danach hatte er weiterhin immense Erinnerungslücken gehabt. Sie nicht.
Linh hatte gewusst, dass er keine Zukunft hatte, und ihn schließlich nicht mehr sehen wollen. Sie hatte ihn und ihr Gemälde mit dem Titel „Vincents Geist“, das ihn zeigte und das sie ihm geschenkt hatte, bis heute nicht wiedergesehen.
Aber durch ihn hatte Linh die Gabe entdeckt, mit der sie derzeit Geld verdiente. Irgendwie musste sie die Miete ihres Zimmers im Stadtzentrum ja bezahlen.
Und sie hatte den Schlüssel.

BAMM!
Plötzlich wusste Naemi wieder, wo sie den roten Linoleumboden schon einmal gesehen hatte. Als sie wieder klar sehen konnte, zog sie sich am Geländer hoch, stützte sich ab und schaute zur Pausenhalle der Oberstufe. Sie zitterte am ganzen Körper.
„Was ist das?“, fragte Naemi und zeigte auf eine helle Steinplatte, die früher noch nicht dagewesen war.
Unterhalb der Platte standen etwa 20 rote Grablichter, wie Naemi sie nur vom Friedhof oder aus den Nachrichten kannte. Außerdem erkannte Naemi verwelkte Blumen und dreckige Teddys.
Was auf der Platte stand, konnte sie aus der Entfernung allerdings nicht entziffern. Wahrscheinlich waren es Namen.
Die anderen erhoben sich ebenfalls. Aster stellte sich so dicht neben Naemi, dass sie sich durch die Anoraks wärmten.
„Ist hier in letzter Zeit mal etwas passiert, was wir nicht mitbekommen haben?“, fragte Aster.
Linh hatte geahnt, dass es eine schlechte Idee gewesen war, sie hierherzubringen. Aber ihre Therapeutin hatte es empfohlen. Und auch wenn es ihr für Aster, Naemi und Marlo leidtat, wollte sie von Taro eine Erklärung. Sonst würde sie niemals damit fertigwerden.
„Kommt mit runter“, sagte Linh. „Ich zeig es euch.“

Man hatte die Gedenktafel ein Jahr nach dem Amoklauf an der Ada-Lovelace-Schule errichtet. Im Namen der Schule hatte bis dahin Liebe gesteckt. Lediglich der Suizid eines Oberstufenschülers im Jahr 2008 hatte dem Image der Schule einen ersten Riss verpasst. Inzwischen verbanden Millionen Menschen die Ada-Lovelace-Schule mit nichts als Tod und Hass.
Linh, Aster, Naemi, Marlo und Taro standen vor der Tafel und lasen sie.
Aster, Naemi und Marlo schauten dabei, als würden sie einen Geist sehen. Taros Miene war unergründlich.
„Da steht mein Name“, brachte Aster hervor.
Panik war in ihrem Gesicht zu lesen.
„Und meiner“, sagte Naemi.
„Meiner auch“, sagte Marlo.
„Was hat das zu bedeuten?“, fragte Naemi.
Naemi starrte durch die dunkle Scheibe auf den roten Linoleumboden der Pausenhalle.
„Wenn wir sterben, leben wir das Leben weiter, das wir eigentlich leben wollten“, sagte Linh. „Seit fünf Jahren spreche ich jetzt schon mit Geistern. Das ist mein Job.“
Ein paar Sekunden lang sagte niemand etwas. Naemi war leichenblass. Marlo stieß ein nervöses Lachen aus. Aster brach in Tränen aus.
„Nein“, rief sie so laut, dass es als Echo zurückhallte.
„Das ist ein Albtraum, das ist ein Albtraum, das ist ein Albtraum.“ Naemi schlug sich immer wieder mit der flachen Hand gegen den Kopf.
Linh sagte: „Nicht viele glauben dran, aber wenn, dann geben sie ihr letztes Hemd, um zu erfahren, was ihre Oma zu ihrem neuen Partner gesagt hätte. Andere nutzen die KI. Aber ich habe die Worte der echten Toten zu bieten. Ich kann sie rufen, wie ich euch gerufen habe.“
„Du verarschst uns“, sagte Marlo, aber es klang unsicher.
„Leider nicht“, sagte Linh.
Aster heulte wie ein Werwolf, unfähig, etwas zu sagen. Naemi atmete schnell und tief ein und aus.
„Das Leben mit Naemi“, sagte Linh, nicht sicher, ob sie ihr zuhörten. „Du hast es dir so sehr gewünscht, Aster. Und es ist so süß, dass du es dir offenbar auch gewünscht hast, Naemi. Tief in deinem Herzen, was du in deinem Leben nie gezeigt hast. Glaubst du, du hättest es jemals zugelassen, wenn du weitergelebt hättest wie bisher, mit deinen heteronormativen Vorbildern und deiner Angst vor Vorurteilen?“
Aster machte Naemis Atemübung nach.
Naemi stützte sich auf den Oberschenkeln ab.
„Aber“, sagte sie kurzatmig, als sie sich halbwegs gefasst hatte, „hier steht, der Amoklauf hätte sich am 20. Dezember 2015 ereignet. Und wir haben doch 2016 unser Abi gemacht und sind in der Motto-Woche als Helden hier rausgegangen!“
„Es ist eine natürliche Reaktion, Katastrophen wie den eigenen Tod zu verleugnen“, sagte Linh. „Das begegnet mir immer wieder.“
„Diese Gruselgeschichte gefällt mir, Linh“, sagte Marlo, aber auch er war inzwischen kreidebleich. „Du hättest Schauspielerin werden sollen.“
Inzwischen lachte niemand mehr über das, was er sagte.
„Ich war Ron“, sagte Taro. „Nicht Weasley. Stoppable. Daran erinnerst du dich aber, oder Linh? Ich bin nicht tot. Mein Name steht nicht hier.“
Linh bedachte Taro mit einem vorwurfsvollen Blick. Man hatte darüber gestritten, ob Taros Name an der Tafel stehen sollte oder nicht und sich dann dagegen entschieden. Im Grunde war nur seine Mutter dafür gewesen.
„Ich bin auch von den Schüssen getroffen worden“, sagte Linh. „An der Schulter, an der Hüfte und am Oberschenkel. Ich habe knapp überlebt und konnte im Frühjahr in die Prüfung gehen, obwohl ich mehrere Wochen im Krankenhaus verbracht hatte und total hinüber war. Den Abiball und das Tanzen konnte ich vergessen. Zur Motto-Woche bin ich nur am letzten Tag gegangen. Allein. Auf Krücken. Vielleicht wart ihr auch da, aber ich konnte euch da noch nicht sehen.“
Linh hatte damals nicht gewusst, als wer oder was sie gehen sollte, wenn nicht als Kim Possible. Sie hatte zeigen wollen, dass Kim keinen Ron braucht. Auch nicht, wenn für sie plötzlich nichts mehr möglich schien.
„Du konntest uns damals nicht sehen, heute aber schon?“, fragte Marlo. „An der Story solltest du noch feilen, Linh.“
„Ich glaube, dass es mit den Porträts zusammenhängt, die ich gemalt habe“, sagte Linh. „Plötzlich waren alle Menschen für mich sichtbar. Auch die toten.“
Mehrere Feuerwerkskörper ertönten direkt hintereinander. Naemi fiel auf die Knie. Sie vergrub das Gesicht in den Händen und begann zu schluchzen. Aster, der immer noch Tränen über die Wangen liefen, legte ihr die Hand auf den Rücken.
„Ich erinnere mich“, brachte Naemi schließlich mit erstickter Stimme hervor.
Dann sah sie auf und zeigte auf Taro.
„Warum steht dein Name nicht auf der Tafel, Taro?“, rief sie aus. „Weil sie den Täter natürlich nicht ehren! Du bist es gewesen, du Dreckskerl! Du hast uns um unsere Zukunft gebracht!“
Aster hielt Naemi zurück.
„Was geht bei euch ab?“, fragte Marlo. „Das ist doch Bullshit, was Linh sagt!“
Marlo sah Taro an. Taro zuckte die Schultern. Dieses von Natur aus coole Schulterzucken erinnerte Marlo an etwas, woran er gefühlt ewig nicht mehr gedacht hatte. Und das bewirkte eine Kette von Erinnerungen, die Marlo einen Faustschlag in die Magengrube versetzten.

Marlo ging alles noch einmal in Gedanken durch, ohne diese Erinnerungen mit den anderen zu teilen:
Taro hatte Linh die Krokodilledertasche zu Weihnachten schenken wollen, in jenem Winter vor zehn Jahren. Marlo hatte die Handtasche direkt vor Augen, die sie sich vor einem Schaufenster angesehen hatten. Sie war etwa so breit wie sein Unterarm und so hoch wie seine Hand gewesen. Nicht mal ein Collegeblock hätte reingepasst. 4321 Euro! Natürlich hatte Taro sie sich nicht leisten können.
Er hatte Marlo gefragt, ob er ihm helfen könne, die Tasche zu klauen. Wie schon so oft meinte Taro, dass Marlo ihm etwas schuldig sei. Er spielte damit auf die siebte Klasse an, als Taro Marlos einziger Freund geworden war. Marlo war einmal in die Mülltonne gesteckt worden und ein anderes Mal hatte man ihm in der Umkleide in die Sandalen gepinkelt. Doch als Taro sein Sitznachbar geworden war, war das Mobbing in der Klasse vorbei gewesen.
Wie immer hatte Marlo eingewilligt, Taro zu helfen.
Taro hatte schwarze Overalls, weiße Handschuhe und Sturmhauben besorgt, die zusammengenommen nur ein Hundertstel dessen gekostet hatten, was er für die Handtasche hätte bezahlen müssen. In den Sachen hatten sich Taro und Marlo zum Verwechseln ähnlichgesehen.
Marlo hatte darauf bestanden, die Pistolen von Taros Vater als Attrappen mitzunehmen. Taros Vater war im Schießverein gewesen. Taro hatte die Schultern gezuckt.
„Okay, aber ohne Munition“, hatte er gesagt.
Sie hatten sich die weißen Handschuhe übergezogen. Taro hatte sich eine Waffe aus dem Tresor genommen und es Marlo überlassen, diesen wieder zu schließen. Marlo hatte sich die andere Pistole genommen – und hinter Taros Rücken die Patronen dazu, die er in seiner weiten Hosentasche hatte verschwinden lassen.

Linhs Stimme riss Marlo aus seinen Erinnerungen.
„Taro hat euch ermordet“, sagte sie.
Blicke richteten sich auf Taro.
„Das kann nicht sein!“, sagte Taro.
„Warum hast du das getan?“, fragte Linh.
Naemi gab etwas in ihr Handy ein.
„Oh mein Gott“, sagte sie immer wieder und hielt Aster das Display unter die Nase.
Der Schock stand Aster ins Gesicht geschrieben. Sie hielt kurz inne, dann veränderte sich ihr Gesichtsausdruck. Sie machte sie einen Schritt auf Taro zu und spuckte ihn an. Die Spucke landete auf seinem Mund und lief ihm das Kinn herunter.
„Ich erinnere mich nicht!“, sagte Taro.
Naemi spuckte ihm auf die Schuhe. Das war alles, was sie in dem Moment zustande brachte.
Aster hielt Taro mit dem Handy die Bilder vom Tatort vor, die im Internet kursierten. Sie zeigte auf den Namen des Schülers, der dafür verantwortlich gemacht wurde. Taro S., Amokläufer.
Taro sackte das Herz in die Hose. Wie konnte das sein? Er hätte doch niemals einen Amoklauf begangen!
Er riss Aster das Handy aus der Hand. Als er seinen eigenen Namen eintippte, landete Asters Faust in seinem Genick.
Taro sah einen Moment lang schwarz und stieß dann auf seine eigene Todesanzeige. Nur seine Mutter trauerte offiziell um ihn.
Aster entriss ihm das Handy wieder.
Eine Sirene ertönte. Kurz war Blaulicht zu sehen und ein Krankenwagen fuhr vorbei.

Die Sirene und das Blaulicht lösten in Taro eine lange verdrängte Erinnerung aus. Es fühlte sich an, als würde sich die Welt um ihn herum auflösen – das Blitzlichtgewitter, die Paparazzi, die weltweit bekannte Sängerin, mit der er seit zwei Monaten zusammen war (Rekord), die Fashion Week in New York und die Dreharbeiten in Kalifornien. Stattdessen sah Taro den Tag vor den letzten Weihnachtsferien seines Lebens plötzlich wieder genau vor sich:
Taro hatte die Krokodilledertasche für Linh um jeden Preis haben wollen. Und er hatte sie selbst besorgen wollen, ohne Marlo nach Geld zu fragen. Er hatte die vorherige Doppelstunde geschwänzt und an der verabredeten Straßenecke gewartet. Marlo war die Woche über krank gewesen, hatte Taro aber morgens geschrieben, dass er auf ihn zählen konnte. Offensichtlich war das eine Lüge gewesen. Fünf Minuten vor Pausenschluss beschloss Taro, die Sache ohne Marlo durchzuziehen. Er hatte Marlo nur dabeihaben wollen, damit er nicht fühlen musste, was er nun fühlte: ganz allein Scheiße zu bauen.
Die Pistole, die in seinem Hosenbund drückte und eine unschöne Beule unter seinem Pullover verursachte, hatte Taro gar nicht gebraucht. Kurz vor dem Laden hatte er sich die Sturmhaube übergezogen, war hineingestürmt und hatte sich die Tasche geschnappt.
Taro war schnell gewesen. Nicht nur der Schönste, sondern auch der Schnellste in der ganzen Stufe.
Trotzdem hatte er schon nach wenigen Metern die Sirene gehört. Davon überrascht, hatte er noch mehr Gas gegeben. Fast hatte er die Schule erreicht, als ein Polizeiwagen mit Blaulicht in die Straße einbog.
Ein Stein fiel Taro vom Herzen, als er im nächsten Moment Marlo maskiert in seinem schwarzen Overall mit weißen Handschuhen und Sturmhaube auf ihn zu rennen sah. Wenn er schon erwischt wurde, dann wenigstens zusammen mit seinem Freund. Dann bemerkte er die Knarre in Marlos Hand und fragte sich, warum dieser damit nicht subtiler umging. Taro hatte Marlo nie für besonders helle gehalten, aber so dumm nun auch nicht eingeschätzt.
Sie trafen an dem Café aufeinander, in dem sie mit den Mädels die ein oder andere Mittagspause verbracht hatten, weil es dort Bubbletea gab. Mit den Kügelchen hatte Taro Marlo abgeschossen, während sich die drei Freundinnen vor Lachen fast auf dem Boden gekringelt hatten. Nun war ihm nach allem zumute, aber sicher nicht nach Lachen.
„Ich kenne einen Hinterausgang“, hatte Marlo nun gegen die Polizeisirene angebrüllt und Taro war seinem Freund ins Café gefolgt.
„Hier entlang!“
Marlo bedeutete Taro ihm zu folgen. In der Herrentoilette zog Marlo Taro in eine Kabine und schloss sie beide ein.
„Wo ist der Hinterausgang?“, fragte Taro.
Marlo hatte ungelenk mit der Pistole herumgefuchtelt. Taro hatte nicht daran geglaubt, dass das Ding geladen war, bis Marlo es an Taros Schläfe gehalten, den Kopf von ihm abgewandt und mit verzerrtem Gesicht abgedrückt hatte.

Jetzt auf dem Schulhof riss Taro die Augen auf und sah Marlo an.
„Ich hatte gerade eine Eingebung“, sagte er und hielt die Hand an die Stirn wie früher, wenn er Migräne gehabt hatte.
Dann ging Taro auf Marlo los und schlug ihm mit der Faust gegen die Nase, aus der kein Tropfen Blut quoll.
Jetzt zeigt er endlich sein wahres Gesicht, dachte Linh.
„Du hast mich erschossen“, brüllte Taro.
Linh stutze. Taro war mit einem Kopfschuss und der geladenen Pistole auf der Cafétoilette gefunden worden. Der Amokläufer hatte sich selbst erschossen, hatte es geheißen. Marlo war auf der Straße von der Polizei getötet worden. Erst hinterher hatte man festgestellt, dass die Pistole, die er auf die Beamten gerichtet hatte, nicht geladen gewesen war. Auf dem Foto, das eine Mitschülerin von Marlos Leiche gemacht hatte, hatte er die Krokodillederhandtasche im Arm, die sich Linh so sehr gewünscht hatte.
Damals nach der Tat hatte dieses Beweisfoto Linh die Augen geöffnet. Sie hatte an die Male gedacht, als Marlo im Chemieunterricht ihr Haar um den Finger gewickelt hatte. Sie hatten nur Chemie zusammen gehabt und Linh hatte seine Versuche nicht ernst genommen. Wie sollte man Marlo auch ernst nehmen, wenn er alles so sagte, als wäre es ein Scherz? Als Marlo Linh mit seiner typischen Grimasse gefragt hatte, ob sie mit ihm ins Kino gehen würde, hatte Linh die anderen gebeten, sie zu begleiten. Linh hatte sich mit Taro einen Partnersitz geteilt, nicht mit Marlo. Nach dem Film hatte Marlo noch weniger gesprochen als Taro. Mit dem Klau der Krokodilledertasche war ein Schuh draus geworden. Nur darüber, dass Marlo die Tasche nicht einfach gekauft hatte, hatte Linh sich gewundert, aber gut – die Tasche wäre selbst für den Anwaltssohn teuer gewesen.
„Was sagst du da, Taro?“, fragte Marlo. „Du hast doch den Waffenschrank geöffnet, nicht ich!“
Taro hielt Marlo am Jackett fest und schüttelte ihn.
„Sag, waren wir jemals Freunde, Marlo?“, fragte er.
Taro ließ los und sich die Wand hinabgleiten auf den Boden, der arschkalt sein musste.
Marlo presste die Lippen aufeinander und schüttelte heftig den Kopf, als versuchte er, schmerzhafte Erinnerungen loszuwerden. Er verschränkte die Arme und schüttelte sich.
Dann, nach einer Weile, brach es aus ihm heraus: „Ihr habt mich ausgelacht!“ Er wankte auf Linh zu, die einen Schritt zurücktrat. „Du warst ein Marmorengel für mich, Linh“, stammelte er. „Ich war wie ein Tourist in Florenz, der dich in Michelangelos Werken sieht … Aber du hast immer nur Augen für Taro gehabt … Er war Michelangelos David für dich … Wegen dir habe ich Kunst gewählt … Bin aber in den falschen Kurs gekommen … Aster und Naemi haben sich nur über mich lustig gemacht … Nur als Clown hast du mich eines Blickes gewürdigt … Das war schlimmer, als in den Müll gesteckt zu werden.“
Marlo sah auf einmal wieder klar, wie er sich in der Woche vor dem Amoklauf mit der Pistole in seinem Kinderzimmer eingeschlossen und im Internet nach „School Shootings“ in den USA recherchiert hatte. Die Fantasie war schon vorher in seinem Kopf gewesen, aber mit der Pistole war sie Wirklichkeit geworden. Mit der treffsicheren Waffe hatte er endlich Macht gehabt.
„Mein Vater hat mich gezwungen, Abitur zu machen“, sagte er nun, wieder glasklar. „Ich dachte, ich würde das nicht packen. Zuerst wollte ich mich umbringen, aber dann …“
Bei dem Amoklauf hatte Marlo als erstes auf Asters Auge gezielt, das ihn so verwundert angesehen hatte, als er in der Tür der Pausenhalle gestanden hatte. Naemi hatte er ins Herz geschossen. Auf Linh hatte er drei Patronen verballert. Und dann war da noch dieser rothaarige Kunstlehrer gewesen, der sich ihm in den Weg gestellt hatte, bevor Marlo zu Taro gesprintet war.
In seiner perversesten Erinnerung sah Marlo den toten Taro wie einen Kackhaufen neben der Toilette liegen. Dabei sah er sich selbst, wie er seine Pistole gegen die ungeladene Pistole tauschte, die in Taros Hosenbund steckte, und die Krokodilledertasche an sich nahm.
Plötzlich war Marlo wieder ganz in dem Gefühl von damals. Er hatte verdrängt, dass er zu so einer Tat fähig gewesen war, aber seine Opfer hatten es auch nicht anders verdient.
Das Feuerwerk wurde immer intensiver. Der Himmel blinkte wie eine Discokugel. Die Schüsse hörten gar nicht mehr auf. Es klang, als hätte das neue Jahr 2026 soeben begonnen.
Linh sah auf die Uhr des Hauptgebäudes.
„Bitte nicht“, murmelte sie.
Aster und Naemi legten sich flach auf den Boden. Taro krümmte sich zusammen und weinte.
Auch Linh kämpfte mit den Tränen.
„Ich erinnere mich jetzt“, schluchzte Aster.
Mit Schrecken nahm Linh wahr, dass Marlos Gestalt immer durchscheinender wurde.
„Woran?“, fragte Linh.
Von Aster fehlte bereits ein Arm.
„Sag schnell“, schob Linh hinterher.
Aster wurde von einer Heulattacke geschüttelt.
Sie war gerade so zu verstehen: „Er hat eine Sturmhaube getragen. Und die Augen dahinter waren blau.“
Linh erhaschte einen Blick auf Marlos Augen, die wie blaue Patronenkugeln funkelten, bevor sie sich in Luft auflösten.
Taros Beine waren nicht mehr zu sehen. Linh warf sich vor Taro auf die Knie und umfasste sein Gesicht. In Taros schwarzen Augen sah Linh sich selbst, einen kleinen Punkt vor der Hölle des Himmels.
Linh beugte sich zu Taro runter und küsste ihn auf die Wange, bis sie seine weiche, nasse Haut nicht mehr spürte, das Salz auf den Lippen aber immer noch schmeckte.
Naemi nahm Asters gerade noch sichtbare Hand. Dann wurde es hell in ihren Köpfen.

Ein Kommentar

Schreibe eine Antwort zu Jana HastrovaAntwort abbrechen