Literatur,  Lyrik

Dioptrien

beim Optiker kommen mir die Tränen beim Sehtest
ich realisiere, dass ich dich nie wieder sehen werde
ich trage immer noch die unsichtbare Brille
die du mir vor langer Zeit aufgesetzt hast
mit einem Kompliment
mit einem Lächeln
obwohl
oder gerade weil
ich eine Brille trug
mit der ich dich sah
mit der ich mich selbst sah
wie du mich gesehen hattest
ich weiß nicht, wie oft sie mir seitdem runtergefallen ist
ich sie aufgehoben und mit Tesa wieder zusammengeklebt habe
ich dich nur noch verzerrt wahrnahm
aber immer rosarot
in dem Wissen, dass ich dich früher gesehen hatte, wie du bist
und du mich, wie ich bin
ohne die zerbrochenen Gläser
ohne die Splitter, die an Tränen erinnern
und Narben, die sie hinterlassen haben
der Optiker sagt mir, meine Sehstärke habe sich verändert
sie sei stärker also schwächer geworden
es sei Zeit für eine neue Brille
einen neuen Look
ich weiß nicht, ob ich wieder klar sehen will
besser aussehen will
noch einmal gesehen werden will
ohne dass du mich siehst
mich anziehst so wie früher

Ein Kommentar

Kommentar verfassen