Literatur,  Prosa

Von den Socken

„Das sind nicht meine Socken, Phillip“, sagte ich.
Wir hatten unsere Arbeitsteilung: Er holte die Wäsche aus dem Keller und warf sie aufs Bett. Ich faltete sie und legte sie in den Schrank. Die Socken steckte ich zusammen und wünschte mir nur für diese Aufgabe, Kinder zu haben, mit denen ich Socken-Memory spielen könnte.
„Echt nicht?“, fragte er.
Keine Ahnung, warum es mich störte, dass er nach acht Jahren Beziehung nicht wusste, dass die pinken Socken mit den gelben Flamingos nicht meine waren. Vielleicht lag es auch daran, wie fröhlich die Socken noch dazu aussahen. Ich besaß keine Happy Socks. Im Gegensatz zu Phillip, der ständig welche geschenkt bekam. Heute trug er Socken mit Weihnachtsmännern.
„Ich kann sie wieder runterbringen und zurück an die Leine hängen“, sagte er.
Vier Stockwerke Treppen zu laufen, machte ihm nichts aus.
„Schon gut“, sagte ich.
Als er im Arbeitszimmer verschwand, roch ich an den Socken. Es war, wie draußen ein Parfum zu erhaschen und es unbedingt haben zu wollen. Was war das für ein Waschmittel?

Anders als Phillip, wusste ich, wem die Socken gehörten. Ich kannte ihren Vornamen nicht, nur die beiden Nachnamen, die am Klingelschild standen. An sie mit ihrem Nachnamen zu denken, wäre komisch gewesen. Sie war etwas jünger als ich, wahrscheinlich Studentin. Im Sommer hatte sie eine Kappe getragen, sodass ich ihr Gesicht nicht sehen konnte. Ich würde sie auf der Straße nicht wiedererkennen. Aber ich erkannte ihre Socken. Sie war vor mir her die Treppe hochgelaufen und ich hatte mich im ersten Moment gefragt, was das für gelbe Vögel über ihren weißen Sneakern waren. Die Fabrik, in der die Socken produziert worden waren, musste einen Fehler gemacht haben, den Hintergrund pink zu färben und die Flamingos selbst so gelb wie einen Sonnenaufgang. Viele Sonnenaufgänge auf einmal. Wahrscheinlich hatte sie die Socken aus einem Outlet.

Sie und ihr Freund bewohnten die Wohnung unter uns. Vor ihrem Einzug waren wir monatelang dem Baulärm ausgesetzt gewesen, bevor er durch ein Klavier ersetzt worden war. Das Klavier war von vier jungen Männern hochgetragen worden. Dabei war ich ihnen im Treppenhaus begegnet und sie hatten mich freudestrahlend vorbeigelassen. Phillip und ich waren auch mal so voll Elan für unser erstes gemeinsames Zuhause gewesen.
Ich war mir sicher, dass sie es war, die klavierspielte. Oft spielte sie Die fabelhafte Welt der Amélie, wie ich früher als Schülerin. In dieser Zeit klappte ich das alte E-Piano aus meinem Studentenzimmer wieder auf und klimperte mit Kopfhörern die Tasten, völlig aus der Übung.
Aber das war nicht alles, was wir von ihnen hörten. Jeden Monat feierten sie in der Wohnung eine Party bis in die Morgenstunden und fast täglich gegen 22 Uhr, wenn Phillip neben mir schon leise schnarchte, hörte ich insbesondere sie und weniger ihn intensiv stöhnen.
Wahrscheinlich wussten die beiden nicht, wie dünn die Wände und Decken in diesem Haus waren.

Es gibt doch diesen Spruch: Bevor du jemanden kritisierst, solltest du erst in dessen Schuhen laufen. Sollte ich dann nicht, bevor ich mir ein Urteil über sie bildete, zuerst in ihren Socken laufen?

An einem regnerischen Montag zog ich die Flamingo-Socken zum ersten Mal an und dachte im ersten Moment: „Sie passen nicht. Sie sind mir zu klein.“
Ich krempelte die Hosen hoch, sodass man sie sah. Sogar Phillip fielen sie auf.
„Schöne Socken übrigens“, sagte er.
Keine Ahnung, warum es klappte, aber ich fühlte mich tatsächlich besser.
Während der Arbeit dachte ich an Amélie (so nannte ich sie inzwischen).
Am Abend roch ich wieder an den Socken und das Ergebnis war, dass sie wieder in die Wäsche mussten. Diesmal ging ich in den Keller zum Waschmaschinenraum. Als ich die Sachen unten auf die Leine gehängt hatte, nahm ich die nassen Socken direkt mit hoch. Amélie durfte nicht wissen, dass ich sie hatte. Zum Trocknen hängte ich sie über meine Nachttischlampe.
Sie rochen nie wieder so gut wie am Anfang.

Ich wollte Amélie danken. Wofür, wusste ich selbst nicht so genau. Aber ich hatte das Bedürfnis, ihr etwas zurückzugeben.
Im Internet suchte ich nach veganen, glutenfreien Rezepten und zog mir sogar Phillips Schürze an. Unsere Aufgabenteilung: Phillip kochte und ich putzte. Backen konnten wir beide nicht.
Am Ende wurden es Apfel-Erdnuss-Blaubeer-Muffins, nachdem ich mich auf keine Sorte hatte festlegen können. Bevor sie braun wurden, nahm ich sie aus dem Ofen. Aus einem Zahnstocher und Zettel bastelte ich eine Art Flagge, auf die ich „Anti-Stress-Muffin“ schrieb. Ich wusste nicht, ob Amélie Stress hatte, aber ich hatte es im Studium gerade zu dieser Zeit nach Weihnachten gehabt, wenn es auf die Klausuren zuging. Zur Sicherheit fügte ich auf dem Zettel noch „für Amélie, vegan und glutenfrei“ hinzu. Nur für den Fall, dass ihr Freund darauf stieß.
Ich steckte den Zahnstocher mit dem Zettel in den wohlgeformtesten Muffin und merkte erst dabei, dass der Teig innen noch ziemlich weich war. Deshalb hasste ich Backen mit diesem Ofen. Na ja, bis sie ihn fand, war er bestimmt fest.
Ich legte ihn auf eine Serviette mit pinken Herzen und stellte ihn Amélie vor die Tür. Damals wusste ich noch nicht, dass sie gegen Erdnüsse allergisch war.

Als ich am nächsten Tag von der Arbeit heimkam, bog hinter mir die Kriminalpolizei in die Straße ein. Schon von Weitem sah ich einen Krankenwagen vor dem Haus stehen. Auch wenn Phillip schon zu Hause sein musste, galt mein erster Gedanke Amélie. Im Treppenhaus begegnete ich den Sanitätern, die eine leere Bahre hinuntertrugen. Sie ließen mich vorbei.
„Mausetot“, sagte einer.
Von oben hörte ich das Schluchzen einer jungen Frau. Erleichterung durchströmte mich. Nur noch ein paar Stufen, dann sah ich sie auch. Amélies Gesicht war verweint. Sie nahm keine Notiz von mir.
„Keine Krankheiten. Er muss sich an dem Muffin verschluckt haben“, sagte sie zur Notärztin.
Ein Lächeln umspielte meine Lippen innerlich, als ich an ihnen vorbeiging.

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