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    Und dann ist die Sache erledigt

    Für alle, die gerade einen Abschluss machen. Ein Text aus dem Frühjahr vor fünf Jahren Wenn er lacht und ich ihn ansehe, kann ich ihm nicht lange in die Augen sehen. Mein Gesicht muss dann automatisch auch lachen und ich wende den Blick ab, doch zu spät; ich habe mich schon preisgegeben. Ich drehe die Musik auf, so leise, dass ich die Gitarre, die Trommeln und die Stimme gerade noch höre. Starte den Tag mit einem Brownie und guter Musik – eine der vielen Weisheiten, die ich von ihr gelernt und nicht oft genug gelebt habe. Eben habe ich geträumt. Meine Zunge fühlt sich pelzig an, ansonsten geht es mir…

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    Omas Geburtstagsgedicht

    bevor Schnee fällt, lassen wir Knallerbsen knallensie hallen nach – Festkorken, nur für unsRüssel, die Glück bringen, zeigen nach obenTrompeten, die heute für dich spielen sollenkleine Ohren aus Indien – deine sind die großenaus Afrika. Erste Wörter, Gesang, Klavierspieldu hörst alles, steigst durch das Loch im Zaunsammelst Nüsse, knackst sie, gibst mir zu vielich hole kleine Gehirne heraus, nehme deineGeschichten in mich auf. Es riecht nach FliederLampions über der Terrasse. Die Fische im Teichsind noch da. Puddinghaut schmeckt wunderbarder Weiher gefriert, wir trauen uns darauf, wirschmelzen das Eis, schlecken es genüsslich undschon suche ich mir wieder eine Mütze aus, soder Kreislauf: gut, stabil, von Herzen, das Bestewünsche ich dir. 80…

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    Warum Schreiben 1

    Der Spiegel lässt die Augen der Betrachterin auseinanderwandern, wölbt die Stirn, hebt die Wangenknochen. Eine Kamera fängt jedes Merkmal annähernd unverzerrt ein. Sie sieht sich nicht gerne auf Fotos. Die Ausstrahlung schafft es nicht durch Filter. Auch nicht in Videos. Ihre Stimme erscheint ihr in Aufnahmen fremd, auch wenn anderen kein Unterschied auffällt. Der wesentliche Teil ihrer Stimme vibriert nur im Innern. Sie wird anderen nicht zeigen können, wie sie sich selbst sieht und hört und wie ihre Gedanken klingen. Es sei denn… Sie schreibt. Beschreibt das Gesicht im nächtlichen Fenster. Und ihre Beschreibung bekommt einen Ton. Einen Leser. Mit Fantasie.

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    Freunde aus Holz und Tinte

    Ich nehme sie aus dem Regal und sortiere sie neu: Lyrik zu Lyrik, Dickens zu Dickens, Hemingway zu Fitzgerald. Die starken Frauen zusammen und die Jugendbücher, die ich verschlang, auf einen Stapel. Russen auf Russen, Franzosen auf Franzosen, Deutsche auf Deutsche – ich frage mich, ob mein Vorgehen rassistisch oder sexistisch ist, aber betrachte die verschiedenen Gruppen mit Zuneigung. Philosophische, psychologische und historische Türme sowie fantastische und naturwissenschaftliche Einzelgänger. Die Stapel bilden ein wachsendes, buntes Gebirge auf dem Laminat. Reclam zu Reclam, Drama zu Drama. Ein Glücksgefühl überrollt mich. Reiseführer zu Reiseführer, Schullektüre zu Schullektüre, Fremdsprachiges zu Fremdsprachigem. Ich schwimme in Büchern, wie Onkel Dagobert in Geld. Nur manche, mit…

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    Viel Welt

    Als ich heute das Haus verließ, um spazieren zu gehen, rief mir jemand „Viel Spaß“ nach. Das war nett, aber führte mir vor Augen, dass es zu wenige geläufige Wünsche gibt. Ich würde auf meinem Spaziergang vielleicht schöne Eindrücke sammeln, mich an Herbstlaub, Vögeln, Gerüchen, Menschen, Gebäuden erfreuen, frische Luft atmen, mich erholen, auf neue Gedanken oder Ideen kommen – aber Spaß haben? Trifft diese Möglichkeiten nur oberflächlich. Wir sind offenbar eine Gesellschaft, der vor allem Spaß und Erfolg wichtig ist, manchmal auch Glück, selten Kraft und oft nur an Geburtstagen Gesundheit oder Freude, wenn wir einander „viel“ wünschen. Wie wäre es, ein paar zusätzliche Floskeln einzuführen und das Repertoire…

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    Traumberuf: Synchronsprecher

    Es heißt, die Stimme sei das Erste, was man von einem Menschen vergesse. Über ein Jahrzehnt nach seinem Tod höre ich die Stimme meines Großvaters noch in mir nachhallen. Auch die Stimmen meiner ehemaligen Klassenkamerad*innen kann ich zurückholen. Wobei – bei vielen aus der Grundschule fällt es schwer. Ich weiß noch recht gut, wie sie aussahen, aber wie sie sich anhörten? Zugegeben, bei den meisten habe ich keine Ahnung mehr. Und die Stimme meines Großvaters ertönt auch nur noch dünn in meinem Gedächtnis, in einer schwachen, hohen Frequenz, immer fröhlich, immer dieselben Sprüche oder Kosenamen, die er uns gab. Ich hätte gerne alles behalten, was er sagte und wie es…

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    Freunde von Idioten

    „Ich glaube, das ist der Abschied, Freunde, wobei:Man verabschiedet sich nicht, wenn man nicht vorhat, sich wiederzusehen.“– John Green, Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken Was einen Freund von einem Idioten unterscheidet? Ganz klar: Werte. Nicht der Wert, den ein Mensch für dich hat. Es geht um innere Werte, die derjenige nach außen trägt. Um wertorientiertes Verhalten. Ich weiß, wer es war, der an der Frau, die mit geröteten Augen und tauben Beinen auf Pflastersteinen saß, vorbeiging, obwohl er sie kannte. Sein Blick erschien ihr angewidert. Ein gut situierter, angesehener Mann, ein Freund ihrer Schwester. Als die Frau zwei Stunden später im Krankenhaus untersucht wurde, kümmerten sich ihre Nachbarn, die selbst…

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    Herbst

    „Aus der Hand frisst der Herbst mir sein Blatt: wir sind Freunde. / Wir schälen die Zeit aus den Nüssen und lehren sie gehen: / die Zeit kehrt zurück in die Schale.“ – Paul Celan, Corona Ich stelle ihn mir bunt und gemütlich vor, mit viel Tee, Sofawärme, Holz neben dem Kamin und Kürbissen auf dem Balkon. Eine Zeit, in der man sich Fotos ansieht und Vergangenem nachsinnt, Kastanien sammelt, Brownies backt, Drachen steigen lässt, Suppe kocht, durch feuchte Wälder wandert, Lesungen besucht, Filme sieht und sich verliebt. In meiner Vision regnet es draußen nur Blätter und ich drehe mich drinnen zu Schallplatten in warmem Wohnzimmerlicht, schäle Mandarinen und hole…

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    Gesehen werden

    „Wir alle haben das Bedürfnis, von jemandem gesehen zu werden. Man könnte uns in vier Kategorien einteilen, je nach der Art von Blick, unter dem wir leben möchten.Die erste Kategorie sehnt sich nach dem Blick von unendlich vielen anonymen Augen, anders gesagt, nach dem Blick eines Publikums. […]Zur zweiten Kategorie gehören die Leute, die zum Leben den Blick vieler vertrauter Augen brauchen. […]Dann gibt es die dritte Kategorie derer, die im Blickfeld des geliebten Menschen sein müssen. […]Und dann gibt es noch die vierte und seltenste Kategorie derer, die unter dem imaginären Blick abwesender Menschen leben. Das sind die Träumer.“ – Milan Kundera, Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins Wenige Stunden…

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    Der Wilde Westen

    „Ich bin in den Wald gezogen, weil mir daran lag, bewusst zu leben, es nur mit den wesentlichen Tatsachen des Daseins zu tun zu haben.“ – Henry David Thoreau, Walden Ich bin nach Westen gezogen. Wenn ich in den Wilden Westen will, muss ich mich nur in den Bus setzen, der vor meiner Haustür abfährt. Er fährt aus der Stadt raus, an Äckern vorbei, über Flachland ohne tiefe Wälder. Eine halbe Stunde später steige ich aus und er ist da. Der Wilde Westen ist dort, wo Fliegen im Maisfeld seinen Rücken umschwärmen, wir über Leitern auf das Dach des Schuppens klettern, um Kirschen zu pflücken und mit dem Kanu das…

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    Für B.

    du verstehst dass es nicht darum gehtzu verstehen dass es gleichgültig istob an diesem Tag etwas entstehtdas von Dauer ist dass nurdas Gefühl wichtig ist das unsdurchströmt und an das wir unswie an ein paar Verse erinnern werdendass wir hier sitzen in einemCafé an dessen Scheibenzweimal FEEL AT HOME stehtund wir schreibenist schon Kunst an sichund es zu genießender Sinn des Gedichts

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    Anfänge

    Manche ersten Male passieren stufenweise, sodass es schwerfällt, sie zu berichten. Wo liegt die Grenze, ab der man sagen kann, dass man etwas getan hat, was es in seiner vorherigen, schwächeren Form noch nicht war? Wie kann man die Schwelle zwischen zwei Kategorien ausmachen, wenn man sich auf einem gestreiften Boden schrittweise vorwärtsbewegt? Wie darüber reden, wenn man keine Einzelheiten nennen möchte? Wenn einem hinterher – wenn es sich einem Extrem annähert und einer bestimmten Kategorie sicher zuzuordnen ist – bewusst wird, es verschwiegen zu haben?Kriminalität, Krankheit, Klimawandel, Schüchternheit, Sex – alles bewegt sich auf einem Kontinuum. Zuerst.

  • Gedanken & Texte

    28. August 2020

    „it is funny, you will be dead some day. / By you the mouth hair eyes,and i mean / the unique and nervously obscene // need;it’s funny. They will all be dead“ – E. E. Cummings Goethe wäre an diesem Tag 271 Jahre alt geworden. L. wird heute 24. Er sitzt jetzt mit Freunden auf der Terrasse und genießt die letzten Stunden seines Geburtstags. Ich wäre gerne dabei, mitfeiernd, dass es ihn gibt. Es ist ein Wunder. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er am Tag seiner Geburt ein winziges, schrumpeliges Geschöpf war, wie Goethe, wie jeder, wie ich. Er muss schon mit Lachfalten auf die Welt gekommen sein.Ich kann…

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    Das Leben ist ein Konzert

    Das Leben ist ein Konzert, bei dem der Sänger den letzten Song ankündigt. Verschwindet die Band, hält der Applaus an, bis sie noch einmal auf die Bühne kommt. In der Regel gibt es eine Zugabe, häufig zwei oder drei und manchmal sogar noch mehr. Von Genussmitteln loszukommen tut immer ein bisschen weh. Wir versuchen es mit Klassentreffen, Spielplätzen für Erwachsene, Wiedergabelisten. Was würden wir tun, wenn selbst nach dem Tod noch eine Zugabe käme? Würden wir unsere Erfahrungen auch dann versuchen zu wiederholen oder etwas komplett Neues ausprobieren, in dem Wissen, dass nichts identisch wiederholbar ist, mit der Weisheit einer Band, die neue letzte Lieder spielt – oder mit der…

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    VII. Schreiben

    Schreibend kann ich alles sein. Schreiben vereint all meine Kindheitsträume. Schon bevor ich in die Schule kam, begann ich damit. Ich schrieb meiner Mutter Briefe, die nur sie entziffern konnte, wie sie meine ersten Wörter verstanden hatte. Ihre Schreibmaschine faszinierte mich; sie war orange wie meine erste eigene, die sie mir letztes Jahr schenkte. Ich bekam oft Notizbücher zum Geburtstag, in die ich meine ersten Geschichten und Reiseberichte schrieb. Ich war verrückt nach Geschichten, sowohl nach den Erzählungen anderer als auch nach meinen eigenen. In der vierten Klasse schrieb ich in mein Freundebuch unter Wenn ich groß bin, werde ich: „Schriftsteller oder Künstler“. So begann dieser Traum und seine Geschichte…

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    VI. Therapieren

    An meinem ersten Tag im Kindergarten weinte ich, als meine Mutter wegging. Die Erzieherin haute mir mehrmals auf die Finger und sagte, ich solle aufhören. Sie saß vor mir und forderte mich auf, die Hände hinzuhalten. Ich erinnere mich noch sehr gut daran. Vielleicht, weil ich an dem Tag kapierte, dass Menschen manchmal gemein sein können, anstatt zu trösten. An meinem zweiten Tag im Kindergarten (oder dem zweiten Tag, an den ich mich erinnere, vielleicht war es auch eine Woche später) weinte ein anderes Kind an seinem ersten Kindergartentag. Ich führte es herum und sagte, dass es normal sei, am ersten Tag traurig zu sein. Das machte es besser. Es…

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    V. Fußball

    Ich identifiziere mich nicht mehr damit, aber das Sommermärchen 2006, in dem mein bester Freund und ich im Fußballfieber waren wie gefühlt der ganze Rest Deutschlands, wir Flaggen malten, die wir auf der Straße verkauften, und in der Schule übernachtend auf großer Leinwand sahen, wie Deutschland gegen Portugal das Spiel um Platz 3 gewann, immer noch schwer enttäuscht nach der Niederlage gegen Italien; die Zeit, in der die Jungs mich als Torwart wählten, ich in jeder Pause im Tor stand und niemand die Bälle so gut hielt wie ich; der damalige Freund meiner Mutter, der mich zum Schalke-Fan und Bundesliga-Zuschauer machte; die Tickets für ein Spiel meiner Heimatstadt, die ich…

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    IV. Komponieren

    Als ich in die Pubertät kam, schrieb ich Liebeslieder, ohne verliebt zu sein. Ich schwärmte, ich wünschte mir, verliebt zu sein und diesen Traum drückte ich in Musik aus. Mit dem Klavier komponierte ich Melodien, ein paar davon hielt ich auf Notenpapier fest, aber meinen größten Song nicht – den nahm ich mit dem MP3-Player auf. Neulich bin ich wieder darauf gestoßen – ich habe das alte Ding immer noch, es passt überall hinein und wenn es die Treppe hinunterfällt, geht es nicht kaputt. Die Aufnahme enthält nur das Klavier, aber die ersten Verse könnte ich heute noch mitsingen, wenn ich das Klimpern der Tasten höre: „You came to me…

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    III. Mathe

    Zahlen waren mein Ding. In der Grundschule war ich beim Eckenrechnen Rechenkönig, in den Ferien arbeitete ich Zusatzarbeitshefte freiwillig durch, einfach weil es mir Spaß machte. Mathe war mein Lieblingsfach und ich ahnte, dass es stimmte, was die Großen sagten, und ich es immer brauchen würde. Studien zufolge hängt die Leistung in Mathe mit dem Selbstkonzept in Deutsch zusammen und umgekehrt (I/E-Modell), das heißt, je bessere Noten ich in Mathe habe, desto schlechter schätze ich mich in Deutsch ein und umgekehrt. Auf mich traf dieses Modell zu: Immer war eins der beiden Fächer bei mir vorne, am Anfang Mathe, bis ab der Mittelstufe Deutsch überholte und Ziffern Buchstaben, Zahlen Worten…

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    II. Malen

    Meine halbe Kindheit lang habe ich gemalt. Das bedeutet nicht, ich habe die erste Hälfte gemalt und dann aufgehört, sondern dass ich die Hälfte meiner Zeit darauf verwendet habe. Es war meine Lieblingsbeschäftigung. Dabei habe ich Kassette gehört, ich hatte Kisten voll Kassetten, die mein Vater mir von Flohmärkten mitgebracht hatte. Meine Oma zeigte mir, wie man Farben mischt und schattiert, dass Wiesen nicht eben sind und Palmenblätter nicht einfarbig, sondern auch Gelb und Schwarz. Den Traum, wie Oma mit einer Staffelei vor Mohnblumen zu sitzen, habe ich immer noch. Und vor Feldern zu stehen und die Landschaft zu malen.

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    I. Etwas erfinden

    Ich bin in der ersten Klasse. Wir sollen aufschreiben, was wir werden wollen. Die Vertretungslehrerin, die Direktorin, ist streng, ich nehme sie als gemein wahr, wir haben sie auch in Sport und sie zweifelt mein Reaktionsvermögen an. Ich denke nach, es macht mir Spaß zu denken. Und nach einer Weile weiß ich, was ich werden will, was nur der beste Beruf sein kann: Erfinder. Ich schreibe es auf. Die Lehrerin kommt vorbei und guckt. Sie zeigt nicht die Begeisterung, die meinem Traumberuf angemessen wäre, aber ich merke ihn mir. Ich werde etwas erfinden.

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    Vergangene Träume

    „I have had my dream – like others – / and it has come to nothing, so that / I remain now carelessly / with feet planted on the ground“, W. C. Williams, Thursday Wenn wir uns fragen, was unsere Träume sind – müssen wir uns dann auch fragen, was unsere Träume waren? Der kindliche Wunsch, auf dem Land zu leben, die jugendliche Sehnsucht nach der Großstadt – spielen sie noch eine Rolle, wenn wir erwachsen sind? Was ist mit den Frauen und Männern, die wir werden wollten – stecken sie noch in uns und warten darauf, großgezogen zu werden? Oder sind sie gegangen und werden uns nicht anklagen, ihnen…

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    Die Wahrheit

    „Beauty is truth, truth beauty“ – John Keats Die Wahrheit liegt in einem verspäteten Zug um 23:06 Uhr, der noch mindestens zwei Stunden braucht, bis er am Ziel ist, in einem Abteil, in dem es ruhig geworden ist, sich die Fahrgäste zurückgelehnt haben, die Arme verschränkt in den wachen Atemzügen der Klimaanlage, die für den Tag gemacht wurde. Ich friere, ohne zu zittern, ich habe keine Angst vor der Wahrheit des Zuges, der den Wunsch nach einem warmen Bett enttäuscht. Die Wahrheit ist schön wie der Nachthimmel, die Schwärze hinter dem Zugfenster, und dieses Schwarz ist wahr. Die Wahrheit ist frei von Illusionen und toten Sternen. Sie erscheint im uringelben…

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    Amor fati

    „Einer von Nietzsches Lieblingsausdrücken ist amor fati (Liebe zum Schicksal) – in anderen Worten: Erschaffe das Schicksal, das du lieben kannst.“ – I.D. Yalom, In die Sonne schauen. Wie man die Angst vor dem Tod überwindet, btb Verlag, München 2008, S. 104 Heute, am heißesten Tag des Jahres, im bisher womöglich heißesten Jahr des Jahrtausends, bin ich die lange Straße entlanggelaufen, die ich früher sehr oft gegangen bin. Zwei Jahre lang habe ich an ihrem gefühlten Ende gewohnt, in dem sicherlich schönsten Gebäude der Stadt, einer alten Villa, die am Stadtrand den Bomben des Zweiten Weltkriegs entgangen war. Nun, ein Jahr nach dem Auszug, ging ich den eintönigen Weg zu…

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    Schöne Dinge

    „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“ – Antoine de Saint-Exupéry, Der kleine Prinz Es ist ein Trugschluss zu glauben, dass schöne Dinge oberflächlich seien. Die vorbeiziehenden Weinberge der Gegend, wo ich aufgewachsen bin, das Weizenfeld am Fluss und das schilfbewachsene Ufer, herzförmige Steine, ein Feuer im Sand und das abendhimmelblaue Wasser, ferner: die Seerosen Monets, das Lächeln eines Kleinkinds und die Augen des Geliebten, die Akte von Matisse, das Meer bei Nizza und die Handschrift Kafkas. All das kann ich sehen, aber es geht tiefer als bis zu der Stelle im Gehirn, wo ein Bild entsteht – es berührt mich.Ebenso verhält es…

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    Fische

    Wenn wir jung sind, liegen unsere Ängste noch offen, wie in einem klaren See, dessen Oberfläche sich kräuselt. Wie die Fische vertreiben, deren Antlitze uns schaudern lassen? Wir können Alkohol in den See kippen, Drogen, das ganze Plastik, das wir über die Jahre anhäufen, und Blätter voll Arbeit, bis der See trüb ist und wir die Fische nicht mehr sehen. Aber sie sind noch da, was uns immer ein leises Unbehagen bereiten wird. Manchmal streift uns etwas und wir erschrecken fast zu Tode. Wenn wir darauf kommen, dass es ein Fisch gewesen sein muss, können wir beschließen, ihn zu fangen – und es wird sehr viel schwerer sein als damals,…

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    Ein Verlust

    Ich kenne eine Handvoll erwachsener Leute, die früher nicht oberflächlich waren und als Jugendliche und junge Erwachsene öfter schrieben. Ich habe gesehen, dass sie es können, in gefundenen Notizbüchern, E-Mails oder formalen Briefen. Aber sie schreiben nicht mehr. Kein Tagebuch. Keine persönlichen Briefe. Keine Gedichte. Keine Geschichten. Wenn man älter wird, brauche man nicht mehr so viele Worte. Warum? Ich bin noch nicht so alt geworden wie sie, aber schon älter und aus Erfahrung an mir selbst lautet die Antwort:Wegen des Alltags. Wegen der Arbeit. Wegen der Termine. Wegen des Konsums. Wegen der daraus resultierenden Oberflächlichkeit. Ich habe Angst, dass meine Tiefe gefriert und ich nur noch über die Oberfläche…

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    Nach Hause kommen

    Manchmal komme ich nach Hause, obwohl es nicht mein Zuhause ist, nicht das Zimmer, das ich miete oder der Raum, an dessen Tür Striche anzeigen, wie ich über die Jahre gewachsen bin. Gestern bin ich bei dir nach Hause gekommen. Deine Wohnung hat sich in dem halben Jahr, in dem ich weg war, nicht verändert. Sie besitzt noch denselben Geruch nach warmem Fell, denselben Einfall der Sonne im dritten Stock, dieselben Küchenutensilien, unaufgeräumt am richtigen Platz. Wir haben gekocht, zwei Teller gegessen, Bionade getrunken, sind hinunter in den Hinterhof gegangen, zum Gras, in dem ich gefühlt Jahre verbracht habe, aber vielleicht waren es auch nur Tage, vielleicht Stunden, vielleicht saßen…

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    Traumcafé

    Ich würde gerne ein Café eröffnen, für nachts öffnen, eine Bar mit einer Ausstrahlung von van Goghs Caféterrasse am Abend. Innen würde ein Klavier stehen, das seinen Pianisten finden würde. An Tagen, an denen er nicht käme, würde ich die Musik bestimmen und meine Playlisten spielen. Es gäbe kostenloses Wasser, Tee, warme Milch, Kakao und Honig, an fünf Fingern abzulesen, und die Leute säßen in Ohrensesseln, diskutierend, redend, lesend, Gedichtbände auf Fensterbänken, Gedichte an den Wänden, auf jedem Tisch Papier und Stift und Hände.

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    Der Klang

    Manchmal, am Ende des Tages, ist der Laptop die Welt, ein leuchtender Globus. Ich habe fertiggelernt, fertiggeliebt, fertiggeschafft. Ich sehe in den Bildschirm wie in eine Zauberkugel und weiß zugleich, dass er mir nichts Wahres zeigen wird. Ich klicke mich durch Nachrichten und Abbilder ferner Länder, sehne mich nach Welt und Zauber, doch nicht einmal die Musik aus den winzigen Lautsprechern verzaubert mich. Ich öffne ein virtuelles Blatt, das heller strahlt als alles andere um mich herum. Der Klang muss aus mir selbst kommen, in Stille.